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Long Covid = ME/CFS?

 

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 17.03.2022

 

English Version

 

Long Covid ist die stille Pandemie in der Pandemie. Laut Robert Koch Institut kämpfen zwei bis 20 Prozent der Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, auch noch Monate nach der Infektion mit Symptomen. Einzelne Studien kommen zu deutlich höheren Prozentzahlen.

Als Mensch mit ME/CFS stelle ich mir wie viele alle Betroffene die Frage: Ist Long Covid dasselbe wie ME/CFS?

 

Infektionen sind ein typischer Auslöser

Bei Long Covid ist der Auslöser klar: Sars-CoV-2. Aber auch ME/CFS, POTS und verwandte Syndrome werden häufig durch eine Infektion verursacht. Die US-amerikanische Organisation Solve ME/CFS schreibt: bei ME/CFS in bis zu 80 Prozent der Fälle. Zu den typischen Krankheitserregern gehören: Herpesviren wie EBV, Cytomegalievirus und HHV-6, Coronaviren wie MERS und Sars-CoV-1, aber auch das West-Nil-Virus, das Ross-River-Virus, Enteroviren, Borrelien und Candida-Pilze.

 

Symptome überlappen sich

Die Symptome von Long Covid ähneln bis auf wenige Ausnahmen stark denen von ME/CFS. Dazu gehören unter anderem: Fatigue, Konzentrations- und Denkprobleme, Kopfschmerzen, Muskel- und/oder Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Muskelschwäche, Haarausfall. Übermäßige körperliche, emotionale oder geistige Aktivität verschlimmert den Zustand bei beiden Syndromen. Spezifischer für Long Covid sind zum Beispiel Kurzatmigkeit, Geschmacks- und Geruchsstörungen.

 

Was könnte zu Long Covid führen?

Obwohl es dazu zahlreiche Studien gibt, ist der Krankheitsmechanismus noch nicht klar. Bekannt ist inzwischen, dass Sars-CoV-2 viele Organe und Gewebe schädigen kann – vom Herz, über die Nieren, die Lunge, die Gefäße bis hin zum Verdauungstrakt, dem Gehirn und Zentralnervensystem.

Einiges weist auf ein überschießendes und fehlerhaft reagierendes Immunsystem hin, zum Beispiel proentzündliche Botenstoffe (Zytokine) und Antikörper, die gegen körpereigenes Gewebe gerichtet sind (Autoantikörper).

Anhaltende Entzündungsreaktionen lassen sich in verschiedenen Geweben nachweisen, auch im Gehirn. Dies könnte verschiedene Hirnregionen durcheinander bringen, etwa den Hirnstamm. Ihn durchziehen viele Nervenbahnen des zentralen Nervensystems. Zum Beispiel Nervenstränge, die Bewegungen und Reflexe steuern und Sinne wie Sehen, Hören oder Berührung verarbeiten. In ihm entspringt der Vagusnerv, der beruhigende Teil des autonomen Nervensystems. Der Vagus wird jedoch auch durch Entzündungsbotenstoffe getriggert und löst dann im Hirn das typische Krankheitsverhalten mit Erschöpfung, Müdigkeit, Fieber, Muskelschmerzen und dem Bedürfnis zu ruhen aus.

Auch Teile des Hypothalamus könnten durch Covid-19 in Schieflage geraten sein. Er ist eine wichtige Schaltzentrale im Gehirn und steuert unter anderem die Funktionen des autonomen Nervensystems (bestehend aus Sympathikus und Parasympathikus/Vagus) und des Hormonsystems – und damit alle unwillkürlich ablaufenden Körperfunktionen. Die Stressachse beginnt hier: die HPA-Achse (Hypothalamaus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Eine Entzündung, die durch ein Virus ausgelöst wird, aktiviert diese Achse zum Beispiel und leitet die Stressantwort auf eine Infektion ein – der Sympathikus wird aktiviert, also der aktivierende Teil des autonomen Nervensystems. Das wiederum verändert die Immunfunktionen.

Der Hypothalamus steht in engem Austausch mit dem limbischen System, dem Emotionszentrum in unserem Gehirn. Auch dieses scheint durch Sars-CoV-2 aus dem Lot zu sein. Das könnte unter anderem erklären, weshalb Long Covid nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch psychische hervorruft. Das limbische System scannt zudem permanent, ob wir „sicher“ sind oder nicht und bewertet Sinnesreize. Eine Infektion ist eindeutig eine Attacke auf unsere „Sicherheit“ und kann potenziell unser Überleben gefährden.

Könnte Covid-19 also eine feststeckende Stressantwort darstellen? Dass unser Hirn denkt, es müsse immer noch ums Überleben kämpfen und in den Überlebensmodus umschalten, obwohl die Infektion eigentlich schon überstanden ist? Eine bleibende Fehlsteuerung des autonomen Nervensystems und damit auch des Hormon- und Immunsystems?

Das könnte die Vielzahl an Symptomen und unterschiedlichen Verläufe erklären. Schließlich beeinflussen das autonome Nervensystem, das Hormon- und Immunsystem alle Organsysteme und sind auch von der Psyche untrennbar. Bei wem das welche Auswirkungen hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Auch verschiedene Forscherinnen und Forscher halten Long Covid für eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems – eine sogenannte Dysautonomie. Syndrome wie POTS sind Dysautonomien. Nach meinem  - nicht wissenschaftlichen – Verständnis gehören auch Syndrome wie ME/CFS und Reizdarm dazu. Zumindest spielt bei ihnen eine Dysautonomie eine zentrale Rolle.

 

Zum Blog-Artikel "Was ist POTS?"

Auch der Energiestoffwechsel ist beeinträchtigt und es gibt Auffälligkeiten im Magen-Darm-Trakt, der Darmschleimhaut und der Darmflora. Bestimmte Gene werden bei einigen Menschen infolge der Infektion hochreguliert, andere gedrosselt. Das kann ebenso weitreichende Konsequenzen haben und womöglich Krankheiten zum Ausbruch bringen, für die man genetisch bedingt anfälliger ist.

Ob Sars-CoV-2 bei Long Covid noch in Geweben und Organen verweilt und stetig das Immunsystem triggert, ist nicht ganz klar. Es könnte auch sein, dass nur noch Virusteilchen vorhanden sind und das Immunsystem auf Trab halten. Ferner könnten im Körper vorhandene und schlummernde Viren oder andere Krankheitserreger reaktiviert werden. Zu EBV gibt es schon erste Untersuchungen. Möglich ist auch eine anhaltende Immunreaktion im Körper, obwohl das Virus schon eliminiert wurde. Ob nun primär ein fehlgeleitetes Immunsystem sekundär das autonome Nervensystem aus der Balance bringt oder andersherum, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Und bei ME/CFS?

Hier könnten sehr ähnliche Mechanismen ablaufen wie bei Long Covid. Die Darmflora ist verändert, die Darmschleimhaut durchlässiger. Das Immunsystem könnte zu Beginn der Erkrankung übermäßig aktiv sein und im Verlauf erschöpfen. Das erhöht zum Beispiel die Infektanfälligkeit. Pro- und antientzündliche Botenstoffe sind bei ME/CFS teilweise erhöht oder erniedrigt. Ein Teil der Menschen weist Autoantikörper gegen Stressrezeptoren (am autonomen Nervensystem) auf.

Bei ME/CFS bildet der Körper nicht genug Energie in Form von ATP, was die rasche Erschöpfung und die Crashs erklären kann. Der Organismus geht dann in einen Überlebensmodus und fährt den Stoffwechsel herunter. Auffälligkeiten im zentralen Nervensystem und Gehirn gibt es ebenso. Wahrscheinlich kommt es zu einer Fehlfunktion des autonomen Nervensystems. Hirnregionen wie Hirnstamm, Hypothalamus und limbisches System befinden sich ebenso in Schieflage. Studien liefern Hinweise auf eine Entzündung im Hirn. Auch bei ME/CFS spielt eine fehlerhafte Stressantwort vermutlich eine zentrale Rolle. Der Körper befindet sich im Überlebensmodus.

ME/CFS tritt häufig gemeinsam mit anderen Syndromen und Krankheiten auf: zum Beispiel POTS (Posturales Tachykardiesyndrom), Ehlers-Danlos-Syndrom, Small-Fibre-Neuropathie und MCAS (Mastzellaktivierungssyndrom). Das beobachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso bei Long Covid.

 

Mein persönliche (laienhafte) Einschätzung

Eine kleine deutsche Studie hat gezeigt, dass ungefähr die Hälfte der Menschen mit Long Covid sechs Monate nach der Infektion immer noch mit Symptomen kämpfte. Sie erfüllten die Kriterien für ME/CFS. Ob sich bei ihnen das Vollbild eines Chronischen Fatiguesyndroms entwickelt, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Frühere SARS- und MERS-Ausbrüche lösten bei einem Teil der Menschen ME/CFS aus. Laut der Organisation Solve ME/CFS war das bei rund 11 bis 40 Prozent der Erkrankten der Fall – je nach Studie.

Es gibt aus meiner Sicht verschiedene Gründe, weshalb Menschen nach Covid-19 nicht wieder auf die Beine kommen oder lange dazu brauchen. Wer etwa länger auf der Intensivstation lag, benötigt deutlich länger, um wieder gesund zu werden. Andere haben von der Infektionen Schäden an Lunge, Herz oder anderen Organen davongetragen, haben Mini-Blutgerinnsel. Und dann gibt es Menschen, die nach einer Infektion ein postvirales Fatiguesyndrom entwickeln. Nach sechs Monaten, bei entsprechenden Symptomen und nach Ausschluss anderer Ursachen liegt dann die Krankheit ME/CFS nahe.

 

PS: Natürlich recherchiere und kontrolliere ich alles, was ich hier schreibe, so gut wie möglich. Trotzdem bin ich auch nur ein Mensch und mache Fehler. Außerdem ziehe ich vielleicht ganz andere Schlüsse wie es jemand anders tun würde. Einfach weil sie zu meiner Geschichte passen. Doch jede Geschichte ist anders.

Wichtig: Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Die Inhalte spiegeln meine persönlichen Erfahrungen, Recherchen und Erkenntnisse wider, die mir geholfen haben und die ich deshalb teilen möchte. In Ihrem persönlichen Fall können jedoch ganz andere Sachen eine Rolle spielen und andere Dinge helfen. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Therapeuten, bevor Sie Entscheidungen treffen, die Ihre körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Auch wichtig: Ich möchte hier niemand von etwas überzeugen. Vielmehr möchte ich mögliche Wege aufzeigen, die hoffentlich einigen Menschen helfen können, ihre Fatigue oder ME/CFS zu verbessern oder zu überwinden.

 

quellen

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Novak P et al: Multisystem Involvement in Post-Acute Sequelae of Coronavirus Disease 19. ANN NEUROL 2022

Campen, C.(.M.C.v.; Rowe, P.C.; Visser, F.C. Orthostatic Symptoms and Reductions in Cerebral Blood Flow in Long-Haul COVID-19 Patients: Similarities with Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Medicina 2022

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