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Meine Genesungsreise: Ein Zwischenstand

 

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 18.12.2022

 

English Version

 

 

Auf meinem Blog, meinem YouTube-Kanal und auf Instagram wirkt es vielleicht so, als wäre ich schon wieder topfit und gesund, weil ich relativ viel veröffentliche. Doch das täuscht. Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Und ich plane die ganzen Inhalte mit  viel Vorlauf.

Wo stehe ich auf meinem eigenen Genesungsweg?

Angefangen hat meine Reise vor dreieinhalb Jahren. Im Sommer 2019 fing ich mit Pacing an. Gut ein Jahr später erreichte ich dadurch ein Plateau, mein Zustand verschlechterte sich nicht mehr andauernd. Auch eine krasse Ernährungsumstellung trug dazu bei. Meinem Darm ging es besser. Im Sommer 2020 machte ich in einem Krankenhaus eine Kurz-Reha, was zu einem vorübergehenden neuen Tiefpunkt führte. Es dauerte einige Wochen, um mich davon zu erholen.

Im Herbst 2020 machte ich das Genesungsprogramm ANS Rewire von Dan Neuffer. Es sollte die Grundlage meiner weiteren Genesungsreise werden. Neuffers Erklärung für ME/CFS, POTS, Fibromyalgie und verwandte Syndrome klang einleuchtend und deckte sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. ME/CFS: eine Dysautonomie, eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems. Neuffer erklärte zahlreiche Methoden, um das Nervensystem wieder in Balance zu bringen. Im Kern ging es um Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, sich zu ändern, Altes abzulegen, Neues zu lernen. Ich war wie üblich sehr konsequent mit dem Brain Training und machte erste Fortschritte.

Anfang 2021 kam es zu einem schrecklichen Ereignis, bei dem ein geliebter Mensch ums Leben kam. Ich fiel in ein tiefes Loch – seelisch und körperlich. Wenige Zeit später stellte sich heraus, dass ich auch noch ein Entwicklungstrauma habe. Eigentlich würde ich darüber gerne ganz offen schreiben, andererseits gibt es da eine Hemmschwelle, es gibt Tabus, man macht sich verletzlich, ist wie ein offenes Buch, ich will mich schützen und andere. Es hat mit meiner Kindheit und Jugend zu tun, ja. Ich will niemanden beschuldigen, nein. Es geht um Narzissmus. Darum, dass ich emotional oft nicht gut behandelt wurde. Mich nicht sicher fühlte, nicht wichtig, einsam, nicht angenommen, nur wenn ich Rollen erfüllte, es recht machte. Aber es gab auch Gutes, natürlich.

Die Erkenntis, dass ich traumatisiert bin, hat meinen Körper, meinen Geist, mein Gehirn, mein autonomes Nervensystem komplett durchgeschüttelt. Ich war auf einem extrem hohen Stresslevel, hypervigilant, bekam neue Symptome, mir ging es dreckig, richtig dreckig. Aber ich gab nicht auf. Ich wusste: Ich muss mich da durchkämpfen, um wieder gesund zu werden. Nach zahllosen Recherchen ist mir klar geworden: Jahrzehnte voller Stress, mit einem Trauma und unterdrückten Emotionen im Rucksack, mussten mich krank machen. Ich hätte alles Mögliche bekommen können. Studien dazu gibt es genug, wie Stress und Traumata das Risiko für praktisch jede Krankheit erhöhen können.

Tiefer graben

Ich musste also abtauchen, ins Dunkle, mich meiner Vergangenheit stellen, meinen Persönlichkeitsmerkmalen, Verhaltensweisen, Schutzstrategien, unangenehmen Gefühlen, vergrabener Wut und Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Angst, Scham, Schuldgefühlen. Das macht keinen Spaß. Das ist nicht einfach. Das tut weh. Das triggert Symptome. Das erschöpft, schwächt, schmerzt. Zum Glück habe ich eine tolle Psychotherapeutin, die mir viel geholfen hat. Zum Glück gibt es so tolle Bücher, Kurse, Menschen, andere Betroffene, Coaches. Zum Glück habe ich den Glauben an mich wiedergefunden.

Im Frühjahr 2022 bekam ich zu meinem ME/CFS, POTS und Reizdarm noch die Diagnose komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Da musste ich dann auch in Sachen Arbeit die Notbremse ziehen. All die Jahre hatte ich versucht, neben dem Job gesund zu werden, hatte immer mehr Stunden reduziert, durfte komplett (auch dank Covid 19) ins Home-Office, durfte mir den Tag einteilen. Aber ich musste einsehen: Arbeiten und gesund werden gleichzeitig, das geht nicht. Nun kämpfe ich zwar mit anderen Dingen, die viele von uns kennen, aber irgendwas ist halt immer.

Nun, Ende 2022, kann ich sagen: Es wird besser. Es geht bergauf. Ich habe mich durch schreckliche Zeiten gekämpft. Bin Expertin für spezielle Psycho- und Traumatherapien geworden, die ich meist im Alleingang auf der Couch praktiziert habe. Ich habe sehr viel über das Zusammenspiel von Geist, Gehirn, Körper und Nervensystem gelernt und bilde mich trotzdem weiter fort. In den letzten Wochen hat die Hypervigilanz nachgelassen, ich habe bessere Nächte, weniger Zuckerprobleme, habe erste Grenzen gesetzt, wehre mich gegen schlechte Behandlung (trotz Kloß im Hals und großer Angst).

Ich versuche, das Thema Resilienz in mein Leben zu lassen, auch mal positive Emotionen zuzulassen, Lob anzunehmen, mich zu resozialisieren, auch mal was zu machen, was mir Spaß macht. Ich will nicht mehr auf alles verzichten. Ich will zurück ins Leben. Ich will endlich wieder gesund sein. Ein neues Leben beginnen. Ein besseres, nachhaltigeres, ruhigeres, anderes. Und ich möchte unbedingt, sobald ich mich gut genug fühle, anderen Menschen aus ihren Syndromen helfen! Wie genau, spiele ich gerade gedanklich durch. Ein erster Schritt war dieser Blog.

 

Wichtig: Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Die Inhalte spiegeln meine persönlichen Erfahrungen, Recherchen und Erkenntnisse wider, die mir geholfen haben und die ich deshalb teilen möchte. In Ihrem persönlichen Fall können jedoch ganz andere Sachen eine Rolle spielen und andere Dinge helfen. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Therapeuten, bevor Sie Entscheidungen treffen, die Ihre körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Auch wichtig: Ich möchte hier niemand von etwas überzeugen. Vielmehr möchte ich mögliche Wege aufzeigen, die hoffentlich einigen Menschen helfen können, ihre Fatigue oder ME/CFS zu verbessern oder zu überwinden.