Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 22.05.2022

English Version

 

 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei ME/CFS eine fehlgesteuerte Hypothalamus- Hypophysen-Nebennierenachse, im Englischen: Hypothalamo-Pituitary-Axis (HPA-Achse) eine sehr wichtige Rolle spielt. Das zeigen zahlreiche Studien. Ist diese Achse aus dem Lot, kann sie alle Hormone und Hormondrüsen im Körper durcheinander bringen – von der Schilddrüse bis zu den Nebennieren.

Warum? Im Hypothalamus befinden sich wichtige Schaltstellen des autonomen Nervensystems, welches Daten aus der Körperperipherie an diesen sendet. Er ist mit der Hypophyse, der Hirnanhangsdrüse verknüpft. Je nach Situation schickt der Hypothalamus verschiedene Vorläuferhormone an diese Drüse. Je nachdem, welche Info sie vom Hypothalamus bekommen hat, setzt sie ihrerseits Hormone frei, die zum Beispiel der Schilddrüse oder den Nebennieren signalisieren, ob sie ihre Hormonproduktion hoch- oder herunterfahren sollen. Hormone spielen eine wichtige Rolle dabei, wie viel Energie wir zur Verfügung haben.

Stresshormon Cortisol

Zu den Nebennieren schickt die Hirnanhangsdrüse das Hormon ACTH. Diese bilden daraufhin die Hormone Aldosteron, DHEA und Cortisol. Das geschieht zum Beispiel ganz normal zu verschiedenen Tageszeiten und die Hormone erfüllen ihre normalen Funktionen. Cortisol beeinflusst unter anderem die Freisetzung von Insulin und den Zuckerstoffwechsel, den Blutdruck, das Immunsystem, Entzündungen, Energielevel und vieles mehr.

Wenn wir gestresst sind, reagiert der Hypothalamus sehr rasch auf die entsprechenden Signale des autonomen Nervensystems und bewirkt, dass akut viel Cortisol freigesetzt wird – ebenso wie Noradrenalin und Adrenalin, die ebenfalls aus den Nebennieren ausgeschüttet werden. Der Körper soll auf eine akute Gefahrensituation vorbereitet werden, damit er im Ernstfall um sein Leben kämpfen oder rennen kann. Wir sind voller Energie. Diese in der Vergangenheit wirklich brenzligen Ereignisse bezeichnen wir heute als „Stress“. Wichtig ist, dass nach der Gefahr, wenn wir wieder in Sicherheit sind, die Freisetzung von Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin gestoppt wird, wir uns ausruhen – und Energiereserven auffüllen können. Denn sonst können die Hormone, vor allem Cortisol, auf Dauer Schaden anrichten.

Bei chronischem Stress, dem wir heute alle irgendwie ausgesetzt sind, kann dauerhaft zu viel Cortisol im Organismus zirkulieren. Wir sind ständig unter Strom, können nicht mehr abschalten. Die HPA-Achse gerät aus dem Lot und funktioniert fehlerhaft. Wir sind total müde und erschöpft, stehen aber trotzdem unter Strom („tired but wired“). Bei Menschen mit ME/CFS kann es zum Beispiel passieren, dass sie anfangs  viel zu hohe Cortisolspiegel haben und später viel zu niedrige oder dass nachts zu viel Cortisol verfügbar ist, aber morgens, wenn wir aufstehen, nicht. Dann fühlen wir uns morgens trotz 14 Stunden (nicht erholsamem) Schlaf total platt und erschöpft. Eine Studie ergab, dass Menschen mit ME/CFS um 50 Prozent kleinere Nebennieren hatten wie gesunde Menschen. Auch bei anderen Krankheiten, wie Angststörungen, Fibromyalgie und Depression, sind die Cortisolwerte verändert, und sogar beim sogenannten post intensive care syndrome. Es hält Menschen, die auf der Intensivstation liegen, davon ab, wieder auf die Beine zu kommen.

Gibt es eine Nebennierenschwäche?

Ob es eine Nebennierenschwäche gibt, ist umstritten. Die Schulmedizin kennt nur den Morbus Addison, bei dem es zu einem Mangel an Cortisol und anderen Nebennierenhormonen kommt und die Nebennieren irgendwann ihre Funktion einstellen. Daneben nennt die Schulmedizin den Morbus Cushing, bei dem dauerhaft zu viel Cortisol gebildet wird. Bei Krankheiten wie ME/CFS ist aber vermutlich vielmehr das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Nebennieren gestört – eben die HPA-Achse durcheinander. Stehen die Nebennieren zu lange unter Stress, kommen sie entweder mit der Bildung der Hormone nicht mehr hinterher (sind erschöpft, Adrenal Fatigue). Oder das Gehirn blockiert als Schutzmechanismus die Aktivierung der Nebennieren, in dem es die HPA-Achse herunterfährt, im Sinne eines negativen Feedback-Mechanismus. Jedenfalls führt das zu fast allen typischen ME/CFS-Beschwerden.

Übrigens, falls es dich interessiert: Cortisol wird in den Mitochondrien gebildet. Das sind die kleinen Energiekraftwerke in unseren Zellen, von denen wir unsere Lebensenergie bekommen. Haben wir für zu lange zu viel Cortisol, dann fordert das Hormon erstens ständig die Mitochondrien, weil es ja Energie für Stresssituationen zur Verfügung stellen will. Das erschöpft die kleinen Organellen. Zweitens können sie, wenn sie überfordert sind, weniger neues Cortisol bilden. Das beeinträchtigt nicht nur die Energielevel, sondern zahlreiche weitere Körperfunktionen.

Sexualhormone

Über die HPA-Achse werden auch die Sexualhormone Testosteron, Estradiol und Progesteron gesteuert. Es ist klar: Ist die Achse aus dem Lot geraten, wirkt sich das auch auf diese Hormone und deren Aufgaben aus. Besonders bei Frauen, die ME/CFS oder ein verwandtes Syndrom haben, tritt parallel häufig eine Endometriose oder ein Polzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) auf. Auch der weibliche Zyklus und die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, werden beeinträchtigt.

Hierzu gibt es ein gutes Video auf Raelan Agle's YouTube-Kanal mit Anna Marsh:
https://www.youtube.com/watch?v=vbaQsz9jjlE

Schilddrüse

Neben der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse gibt es eine, die vom Hypothalamus zur Schilddrüse reicht (HPT-Achse). Sie überwacht unseren Stoffwechsel. Funktioniert sie nicht richtig, kann das nicht nur Erschöpfung, sondern Myriaden von anderen Beschwerden auslösen, die ME/CFS und Fibromyalgie sehr ähneln. Das Knifflige hierbei ist: Die Schilddrüsenwerte können normal sein, aber die Drüse arbeitet trotzdem nur unterdurchschnittlich. Dazu gibt es den englischen Begriff non thyroidal illness syndrome (NTIS). Es kommt hierbei zu einem vom Hypothalamus gesteuerten Schutzmechanismus, der die Schilddrüse und damit den Energiestoffwechsel herunterfährt. Der Körper macht das, wenn seine Überlebensbedingungen nicht optimal sind.

Daneben gibt es die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunkrankheit, bei der der Körper die Schilddrüse angreift und diese irgendwann ihre Funktion einbüßt. Es kommt zur Schilddrüsenunterfunktion. Diese Krankheit tritt häufig parallel zu ME/CFS auf, könnte aber natürlich auch eine Alternativursache zu ME/CFS sein.

Blutzucker

Durch die fehlgesteuerte HPA-Achse gerät auch der Insulin- und Zuckerstoffwechsel aus der Balance. Bei Menschen mit Dysautonomien wie POTS und ME/CFS fährt der Blutzucker (Glukose) häufig Achterbahn. Er kann viel zu stark ansteigen und dann rasch absinken. Getriggert durch Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol schießt er noch mehr in die Höhe und ist danach erschöpft. Das kann auch nachts passieren, was zu Unterzucker während des Schlafs führt. Manche Menschen mit Dysautonomien haben schon eine Insulinresistenz: die Körperzellen, die den Zucker aus dem Blut aufnehmen sollen, machen dicht. Dieser Zustand muss aber nicht unbedingt in Labortests nachweisbar sein.

Es gibt weitere Hormone, die aus der Balance geraten sein können.

Was tun?

Es ist aus meiner Sicht ungeheuer wichtig, zunächst mit Ärzten und Ärztinnen potenzielle Ursachen für Hormon-Imbalancen herauszufinden. Es gilt, Krankheiten auszuschließen oder festzustellen, die Fatigue und andere Beschwerden hervorrufen können. Das gehört auch zum normalen und wichtigen Prozess dazu, wenn es um die Diagnose ME/CFS, POTS, Fibromyalgie oder Ähnliches geht. Andere Krankheiten können mit diesen Syndromen einhergehen, aber auch die alternative Ursache sein. In Bezug auf Hormone würde ich tatsächlich eine Endokrinologin oder einen Endokrinologen aufsuchen, weil die viel mehr untersuchen.

Ich persönlich wäre auch äußerst vorsichtig, auf eigene Faust naturidentische Hormone einzunehmen oder die zahlreichen empfohlenen Nahrungsergänzungsmittel. Am besten vorher mal mit dem Arzt des Vertrauens darüber sprechen oder eine Ärztin/einen Arzt für Funktionelle Medizin aufsuchen.

Die HPA-Achse bringst du wieder in Balance, indem du dein autonomes Nervensystem und das limbische System aus seinen chronischen Stresszuständen bringst. Mehr dazu unter den Strategien „Nervensystem“ und „Psyche“.

Um die Funktion der Nebennieren zu unterstützen, hilft es Stress abzubauen (!!!), auf Koffein, zu viel schnell verfügbaren Zucker und andere Stimulanzien zu verzichten und morgens Tageslicht abzubekommen. Außerdem: Morgens genügend Eiweiß und wenig Kohlenhydrate essen, mittags etwas mehr Kohlenhydrate und abends die größte Portion (ich weiß, das widerspricht vielen Empfehlungen, mach dir am besten dein eigenes Bild!).

Ich lese immer wieder, dass die sogenannte AIP-Ernährung (Autoimmun-Paleo-Diet) Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis hilft. Wenn du dagegen Thyroxin einnimmst, würde ich vor einem solchen Versuch aber unbedingt einmal mit deiner Ärztin oder deinem Arzt darüber sprechen, selbst wenn sie sich damit nicht auskennen. Es geht nur darum, dass du deine Schilddrüse vielleicht durcheinander bringst, wenn du deine Ernährung radikal umstellst, das eventuell wirklich einen Effekt hat und du dann viel zu viel Schilddrüsenhormon zuführst.

 

PS: Natürlich recherchiere und kontrolliere ich alles, was ich hier schreibe, so gut wie möglich. Trotzdem bin ich auch nur ein Mensch und mache Fehler. Außerdem ziehe ich vielleicht ganz andere Schlüsse wie es jemand anders tun würde. Einfach weil sie zu meiner Geschichte passen. Doch jede Geschichte ist anders.

Wichtig: Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Die Inhalte spiegeln meine persönlichen Erfahrungen, Recherchen und Erkenntnisse wider, die mir geholfen haben und die ich deshalb teilen möchte. In Ihrem persönlichen Fall können jedoch ganz andere Sachen eine Rolle spielen und andere Dinge helfen. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Therapeuten, bevor Sie Entscheidungen treffen, die Ihre körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Auch wichtig: Ich möchte hier niemand von etwas überzeugen. Vielmehr möchte ich mögliche Wege aufzeigen, die hoffentlich einigen Menschen helfen können, ihre Fatigue oder ME/CFS zu verbessern oder zu überwinden.

 

quellen

Dr. Rosamund Vallings: CFS/ME – Symptoms, Diagnosis, Management
Alex Howard: Decode your Fatigue

Dan Neuffer: CFS Unravelled

Fatigue Super Conference 2021

Alan Christianson: Adrenal Reset Diet

Morris G, Anderson G, Maes M. Hypothalamic-Pituitary-Adrenal Hypofunction in Myalgic Encephalomyelitis (ME)/Chronic Fatigue Syndrome (CFS) as a Consequence of Activated Immune-Inflammatory and Oxidative and Nitrosative Pathways. Mol Neurobiol. 2017

Dominic Stanculescu, Lars Larsson and Jonas Bergquist : Hypothesis: Mechanisms That Prevent Recovery in Prolonged ICU Patients Also Underlie Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS). Hypothesis and Theory Front Med 2021

Picard M, McEwen BS, Epel ES, Sandi C. An energetic view of stress: Focus on mitochondria. Front Neuroendocrinol. 2018