Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 11.05.2022

 

English Version

 

 

Welche Rolle spielt das Immunsystem bei chronischer Fatigue?

Es gibt zahlreiche Studien die zeigen, dass chronische Erschöpfung mit einem aktivierten Immunsystem einhergeht. So ist Fatigue ein zentrales Symptom bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose und Rheumatoider Arthritis. Chronische Fatigue tritt auch bei chronisch-entzündlichen Krankheiten wie Colitis ulcerosa oder dem Chronic Inflammatory Response Syndrome (CIRS) auf. Erschöpfung ist eines der Hauptsymptome bei ME/CFS, aber auch bei POTS, Fibromyalgie, chronischer Borreliose, Depression, Long Covid sowie während und nach einer Krebserkrankung.

Ein durch welchen Trigger auch immer aktiviertes Immunsystem führt zu einer akuten oder chronischen Entzündung, die ganz leicht („still“) oder sehr ausgeprägt sein kann. Sie kann überall im Körper auftreten. Das arbeitende Immunsystem verbraucht dabei sehr viel Energie, weshalb die kleinen Energiekraftwerke in unseren Zellen, die Mitochondrien, irgendwann erschöpft sind. Uns fehlt Energie. Außerdem wird über den Vagusnerv und andere Wege dem Gehirn mitgeteilt, was in der Peripherie los ist. Das löst das sickness behavior aus, das typische Krankheitsverhalten – wir sind erschöpft, schwach, wollen schlafen, wenig essen, sind mies drauf. Immunzellen im Gehirn und Zentralnervensystem werden aktiv und es finden sich vermehrt proentzündliche Immunbotenstoffe, die Zytokine. Das spricht für eine Entzündung im Gehirn. Durch diese werden die Konzentrationen von Hirnbotenstoffen wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und GABA verändert. Diese ganzen Veränderungen könnten die typischen Symptome bei Fatigue auslösen, nämlich körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung, Brainfog, Schmerzen, schlechte Stimmung, etc.

Dass das Immunsystem bei ME/CFS durcheinander ist, bezweifelt kaum jemand, hoffe ich. Eine Studie der Universität Wien ergab zum Beispiel: Zwei Drittel der Teilnehmer hatten ein eingeschränktes Immunsystem, ein Drittel ein zu aktives. Carmen Scheibenbogen von der Charité Berlin hat Autoantikörper gegen Stressrezeptoren des autonomen Nervensystems gefunden. Also die Stellen im Körper, an denen vor allem der Botenstoff Noradrenalin bindet. Bei einem anderen Teil der Menschen mit ME/CFS könnten statt einer Autoimmunreaktion einfach die Bindungsstellen für Noradrenalin erschöpft sein und unzureichend reagieren. Auch bei Fibromyalgie und POTS haben Forscherinnen und Forscher Autoantikörper gefunden, sodass auch bei diesen Syndromen teilweise eine Autoimmunreaktion vorliegen könnte.

Beim Thema Immunsystem spielen auch der Darm, das Nervensystem und die Psyche eine wichtige Rolle. Das erkläre ich in den Strategien „Darm“, „Nervensystem“ und „Psyche“ und kurz weiter unten.

 

Zum Blog-Artikel "Long Covid = ME/CFS?"

Trigger für entzündliche Prozesse

Entzündungen, ob unterschwellig oder stark, spielen also sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei chronischer Erschöpfung. Du musst nun – wie üblich – Detektiv spielen und herausfinden, was diese Entzündungen in Gang hält. Ich möchte hier ein paar typische Trigger nennen, auf die ich während meiner eigenen Recherchen immer wieder gestoßen bin. Aber diese Liste ist ganz sicher nicht vollständig!

Infektionen als typischer Auslöser

Fangen wir uns ein Virus, ein Bakterium oder einen anderen Krankheitserreger ein, merkt unser Immunsystem das sofort  und wird aktiv. Tötet es die Keime rasch ab bevor sie sich auf unseren Schleimhäuten und im Körper vermehren, merken wir davon vielleicht gar nichts. Haben sich die Erreger schneller vermehrt als das Immunsystem reagieren kann oder tricksen sie es aus, dann bekommen wir eine Erkältung, eine Magen-Darm-Grippe oder Ähnliches. Und das geht natürlich mit Müdigkeit und Erschöpfung einher.

Normalerweise klingen die Beschwerden nach wenigen Tagen oder ein bis zwei Wochen ab und wir sind wieder fit. Versteckt sich der Erreger aber, ist schwer zu bekämpfen, nistet sich auf Dauer ein oder ist unsere Abwehr nicht auf dem Damm, dann wird die Infektion langwieriger. Wer mehrere Wochen nach einer Infektion mit anhaltender Erschöpfung und anderen Symptomen kämpft, hat sehr wahrscheinlich ein postvirales oder postinfektiöses Fatiguesyndrom. Besteht ein bestimmter Symptomkomplex nach sechs Monaten immer noch und lassen sich keine anderen Ursachen dafür finden, dann liegt es nahe, dass die Krankheit ME/CFS vorliegt. Mehr dazu in meinem Übersichtsartikel zu ME/CFS.

Es gibt Krankheitserreger, die häufiger ein postinfektiöses Fatiguesyndrom oder ME/CFS auslösen können. Dazu gehören unter anderem: Enteroviren, Retroviren, Coronaviren, Herpesviren I bis VIII, zu denen auch EBV, Herpes simplex, Humanes Herpesvirus 6 und Cytomegalieviren zählen, Influenzaviren, Ross River Virus, Ebolavirus, Borrelien, Bartonella. Die Keime klauen sich unseren Energietreibstoff, das ATP, für ihre Vermehrung, indem sie die Mitochondrien, die kleinen Energiekraftwerke in unseren Zellen, anzapfen. Klar, dass uns dann Energie fehlt, wie oben schon beschrieben.

Chronische Infektionen oder Reaktivierungen

Besonders Krankheitserreger, die lebenslang in uns verweilen oder zumindest längere Zeit im Körper verbleiben, können chronische Infektionen oder Reaktivierungen hervorrufen. Vor allem Herpesviren sind dafür bekannt zu reaktivieren, wenn das Immunsystem geschwächt ist – siehe Lippenherpes beim Strandurlaub. Bhupesh Prushdy von der Universität Würzburg hat herausgefunden, dass das Herpesvirus 6 immer die Mitochondrien in ihre Einzelteile zerlegt, wenn es reaktiviert. Er vermutet, dass das bei ME/CFS eine zentrale Rolle spielt. Amy Proal und Michael van Elzakker aus den USA forschen ebenfalls in diese Richtung. Auch Coronaviren, oder zumindest Teile davon, könnten länger nach der Infektion im Körper verbleiben und an den Long Covid-Beschwerden beteiligt sein. Keime, die von Zecken übertragen werden, wie Borrelien, Rickettsien und Bartonella scheinen ebenfalls länger im Körper zu überdauern.

Wenn du das Gefühl hast, du bist ständig erkältet oder hast Infektionen, dann suche bitte einen Arzt oder eine Ärztin auf, die sich mit Infektionen und Immunsystem gut auskennt. Mit geeigneten Tests lassen sich anhaltende Infektionen aufspüren.

Umweltgifte

Bei der Spurensuche zu den Ursachen meines eigenes ME/CFS bin ich immer wieder auf Schimmelpilze als Auslöser gestoßen. Es geht dabei nicht um die typische Schimmelpilzallergie, sondern eine Entzündungsreaktion auf Schimmelgifte. Ob das bei mir eine Rolle spielen könnte, habe ich bislang nicht herausgefunden. Meine Wohnung sieht aber nicht nach Schimmel aus. Das Problem ist, dass sich wohl nur wenige Ärztinnen und Ärzte mit dem Thema auskennen und Tests, die Schimmelgifte und eine Überreaktion des Immunsystems darauf erkennen, schwer zu bekommen sind. Am ehesten in den USA.

Manche Menschen reagieren auch auf Pestizide, Chemikalien aus Putzmitteln oder Körperpflegeprodukten, auf Benzin oder Tabakrauch mit einer Entzündung. Da müsstet du mal nach „Multiple Chemikaliensensitivität“ googeln.

Autoimmunreaktionen

Fatigue ist eines der häufigsten Symptome bei Autoimmunerkrankungen wie Multilper Sklerose oder Rheumatoider Arthritis. Diese Krankheiten erkennen Ärztinnen und Ärzte, besonders der geeigneten Fachrichtungen, normalerweise gut und es gibt auch etablierte Diagnoseverfahren. ME/CFS kann parallel zu einer Autoimmunkrankheit vorkommen, zum Beispiel zusammen mit einem Systemischen Lupus erythematodes. Und es gibt, wie am Anfang des Textes erwähnt, Hinweise für Autoimmunreaktionen bei ME/CFS, Fibromyalgie und POTS.

Lebensmittel

In den Strategien „Darm“ und „Ernährung“ beschreibe ich, dass zahlreiche Lebensmittel zu Unverträglichkeiten und einer Aktivierung des Immunsystems führen können. Die bekanntesten sind Gluten und Milch.

Allergien

Auch Allergien aktivieren das Immunsystem, lösen eine Entzündung und damit Fatigue aus.

Impfungen

Während meiner Recherchen habe ich immer mal wieder von Einzelfällen gehört, bei denen das Auftreten von ME/CFS mit einer Impfung in Verbindung gebracht wurde. Es werden tatsächlich Einzelfälle eines sogenannten Post-vaccine-syndrom (Post-Impfungssyndrom) beschrieben. Dabei kommt es wohl zu einer überschießenden Aktivierung des Immunsystems auf den Impfstoff oder Bestandteile des Impfstoffs. Dennoch sind Impfungen aus meiner Sicht in den allermeisten Fällen wichtig und sinnvoll.

Stress, Traumata, fehlreguliertes Nervensystem

Nach allem, was ich die letzten Jahre gehört, gelesen und gesehen habe, ist ein fehlreguliertes autonomes Nervensystem der zentrale Trigger für ME/CFS und weitere Syndrome wie POTS, Fibromyalgie, Reizdarm. Aber auch bei anderen Krankheiten wie Krebs, Depression, Angst und vielen chronischen Leiden spielt es wahrscheinlich eine wichtige Rolle. Sind nämlich der aktivierende Teil des Nervensystems, der Sympathikus, und der beruhigende Teil, der Parasympathikus oder Vagusnerv, aus der Balance geraten, wirkt sich das auf alle Systeme und Organe im Körper aus.

Unser autonomes Nervensystem ist untrennbar mit dem Immunsystem, dem Hormonsystem und der Psyche bzw. Emotionen verknüpft. Das fasst man unter dem kaum aussprechbaren Fachbegriff „Psychoneuroendokrinoimmunologie“ zusammen. Verschiedenste Stressfaktoren bringen dieses Zusammenspiel durcheinander. Diese können körperlicher Natur sein, wie Infektionen, Unfälle, Übergewicht, sehr viel Sport, und emotionaler Natur, wie seelische Traumata, hohe Arbeitsbelastung, Pflege von Angehörigen, Charaktereigenschaften. Auch Umweltgifte wie Schimmel, unverträgliche Nahrungsmittel und Chemikalien sind Stressoren. Kommen genügend Faktoren zusammen, gerät das autonome Nervensystem in Schieflage und man bekommt je nach Veranlagung Krankheit A oder B.

Chronischer Stress oder Traumata aktivieren zunächst die Freisetzung des Stresshormons Cortisol, dass in hohen Konzentrationen das Immunsystem unterdrückt und antientzündlich wirkt. Hält die Stressbelastung an, sendet das Gehirn irgendwann das Signal, weniger Cortisol zu bilden bzw. seine Zielgebiete unempfindlicher dafür zu machen. Das bringt das Immunsystem aus dem Ruder und fördert chronische Entzündungen und damit nicht nur Fatigue. Anhaltender Stress stimuliert außerdem dauerhaft den Sympathikus, der auch entzündungsfördernd wirkt. Der Gegenspieler, der Vagus, wird unterdrückt oder geht in seinen Überlebensmodus über und sendet dem Körper die Botschaft, alle Systeme auf das Nötigste herunterzufahren. Normalerweise wirkt der Vagus antientzündlich, bringt das Immunsystem wieder ins Lot. Das fällt nun aber aus.

Mehr über das Nervensystem findest du in der Strategie „Nervensystem“, mehr über Cortisol in den „Hormonen“ und mehr zum Einfluss der Psyche bzw. Emotionen unter „Psyche“.

Was tut dem Immunsystem gut?

  • Ruhe
  • Schlaf (mehr Tipps in der Strategie „Schlaf“)
  • Gesunde Ernährung (mehr unter „Ernährung“)
  • Nervensystem in Balance bringen (siehe „Nervensystem“)
  • Gesunder Darm (mehr unter „Darm“)
  • Sauna
  • Bei Mangelzuständen evtl. hochwertige Nahrungsergänzungsmittel
  • Maßvolle, aber regelmäßige Bewegung (mehr unter "Bewegung")
  • In der Natur sein

Was schadet ihm?

  • Stress
  • Traumata
  • Schlafmangel
  • Verarbeitete Lebensmittel, Zucker
  • Zigaretten
  • Plastik
  • Chemikalien
  • Übergewicht

PS: Natürlich recherchiere und kontrolliere ich alles, was ich hier schreibe, so gut wie möglich. Trotzdem bin ich auch nur ein Mensch und mache Fehler. Außerdem ziehe ich vielleicht ganz andere Schlüsse wie es jemand anders tun würde. Einfach weil sie zu meiner Geschichte passen. Doch jede Geschichte ist anders.

Wichtig: Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Die Inhalte spiegeln meine persönlichen Erfahrungen, Recherchen und Erkenntnisse wider, die mir geholfen haben und die ich deshalb teilen möchte. In Ihrem persönlichen Fall können jedoch ganz andere Sachen eine Rolle spielen und andere Dinge helfen. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Therapeuten, bevor Sie Entscheidungen treffen, die Ihre körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Auch wichtig: Ich möchte hier niemand von etwas überzeugen. Vielmehr möchte ich mögliche Wege aufzeigen, die hoffentlich einigen Menschen helfen können, ihre Fatigue oder ME/CFS zu verbessern oder zu überwinden.

 

quellen

Fatigue Super Conference 2021

Dr. Kasia Kines: The EBV-Solution

Dan Neuffer: CFS Unravelled

Dr. Rosamund Vallings: CFS/ME – Symptoms, Diagnosis, Management

Christian Schubert: Was uns krank macht, was uns heilt

Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie

J Couzin-Frankel, G Vogel: In rare cases, coronavirus vaccines may cause Long-Covid like symptoms. Science 2022

Hennig T, Prusty AB, Kaufer BB, Whisnant AW, Lodha M, Enders A, Thomas J, Kasimir F, Grothey A, Klein T, Herb S, Jürges C, Sauer M, Fischer U, Rudel T, Meister G, Erhard F, Dölken L, Prusty BK. Selective inhibition of miRNA processing by a herpesvirus-encoded miRNA. Nature. 2022

Aucott JN, Yang T, Yoon I, Powell D, Geller SA, Rebman AW. Risk of post-treatment Lyme disease in patients with ideally-treated early Lyme disease: A prospective cohort study. Int J Infect Dis. 2022

Proal AD and VanElzakker MB (2021) Long COVID or Post-acute Sequelae of COVID-19 (PASC): An Overview of Biological Factors That May Contribute to Persistent Symptoms. Front. Microbiol 2021

Lee C-H and Giuliani F (2019) The Role of Inflammation in Depression and Fatigue. Front. Immunol.

Dantzer R, Heijnen CJ, Kavelaars A, Laye S, Capuron L. The neuroimmune basis of fatigue. Trends Neurosci. 2014

Lutz, L.; Rohrhofer, J.; Zehetmayer, S.; Stingl, M.; Untersmayr, E. Evaluation of Immune Dysregulation in an Austrian Patient Cohort Suffering from Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Biomolecules 2021

Wirth, K.J., Scheibenbogen, C. & Paul, F. An attempt to explain the neurological symptoms of Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. J Transl Med 19, 471 (2021)

Ryabkova VA, Churilov LP, Shoenfeld Y. Neuroimmunology: What Role for Autoimmunity, Neuroinflammation, and Small Fiber Neuropathy in Fibromyalgia, Chronic Fatigue Syndrome, and Adverse Events after Human Papillomavirus Vaccination? International Journal of Molecular Sciences. 2019

M van Elzakker: Chronic fatigue syndrome from vagus nerve infection: A psychoneuroimmunological hypothesis. Medical Hypothesis 2013