Dr. Antje Kallweit: Wie man chronische noziplastische Schmerzen verlernen kann

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 13.01.26

 

Dr. Antje Kallweit ist Fachärztin für Anästhesie und Schmerztherapeutin aus Hamburg. Sie arbeitet als niedergelassene Ärztin und hat die App „HELP“ (mit-)gegründet. Im Video-Interview sprechen wir über noziplastische Schmerzen, auch neuroplastische Schmerzen genannt.

Wichtige Punkte aus dem Interview:

Schmerzformen

  • Nozizeptive Schmerzen: gehen auf eine Verletzung oder Entzündung zurück, etwas Akutes
  • (Chronische) neuropathische Schmerzen: entstehen durch Verletzung oder Fehlfunktion von Nerven
  • (Chronische) noziplastische / neuroplastische Schmerzen: gehen nicht auf eine direkte Verletzung oder Entzündung zurück (auch wenn so etwas initial vorgelegen haben kann), sondern auf eine zentrale Fehlverarbeitung / Funktionsstörung im Gehirn, einer veränderten Schmerzwahrnehmung


Noziplastische Schmerzen erkennen

  • Strukturelle Ursachen ausschließen, Befunde sichten
  • Entspricht der Schmerz dem Befund?
  • Kommt der Schmerz und geht? Verstärkt er sich durch Stress?
  • Provokationstests machen (spezielle Diagnosemethode, um auf noziplastische Schmerzen schließen zu können)


Entstehung noziplastischer Schmerzen

  • Beispiel: Man hebt eine Kiste hoch und bekommt Rückenschmerzen. Das Gehirn merkt sich das. Das nächste Mal warnt das Hirn einem: Nicht heben, ist gefährlich, macht Rückenschmerzen. Es entsteht also ein Gefahrensignal im Gehirn. Der empfundene Schmerz beim erneuten Heben ist dann der Ausdruck, das Kommunikationsmittel des Gehirns, um auf die Gefahr hinzuweisen. Durch Lernvorgänge und Anpassungsreaktionen im Gehirn (Neuroplastizität) verfestigt sich das Gefahrensignal / der Schmerz – auch wenn körperlich / strukturell (wieder) alles okay ist. Auch Emotionen kann das Gehirn als Gefahrensignal werten und mit Schmerz reagieren, wenn jemand emotional belastet ist


Therapieansätze

  • Klassische Schulmedizin: Biopsychosoziales Modell (biologische, psychologische und soziale Faktoren einbeziehen), häufig aber vorwiegend biomedizinischer Ansatz mit Medikamenten, Physiotherapie, Ergotherapie, später eventuell auch Psychotherapie. Hinweis: In Schmerzkliniken oder Praxen findet meistens eine multimodale Schmerztherapie statt, die auf dem biopsychosozialen Modell fußt. Es geht aber in der Regel darum, Schmerzen zu managen, besser mit ihnen zu leben
  • Neuoplastischer / noziplastischer Ansatz: Man setzt an der Ursache des chronischen Schmerzes an, nämlich am Gehirn und der zentralen Funktionsstörung. Das Ziel ist, den Schmerz zu verlernen, das Gefahrensignal zu beruhigen, bis man im Idealfall schmerzfrei wird – was definitiv möglich ist
  • Hinweis: PRT und EAET sind Methoden, die Dr. Antje Kallweit anwendet (und auch ich in meinen Coachings / meinem Programm)
  • Weiterer Ansatz: CFT (Cognitive Functional Therapy), aus Australien, von Physiotherapeut:innen entwickelt


Studienlage

  • Die wissenschaftliche Datenlage ist sehr vielversprechend

 


Die App „HELP“

https://www.help-app.de/

Studienaufruf (Stand: Januar 2026):


https://www.help-app.de/studie/

 

Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder Therapeuten, bevor du Entscheidungen triffst, die deine körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Jeder Weg in ein Mind-Body-Syndrom ist etwas Individuelles, und jeder Weg heraus.