Dr. Martina Melzer, aktualisiert: 16.04.26
Hinweis: Es gibt bislang verschiedene Erklärungsansätze für die hier genannten Symptome und Syndrome - einen biomedizinischen und einen biopsychosozialen / neuroplastischen Erklärungsansatz.
Derzeit fehlen für ME/CFS und Long Covid wissenschaftlich anerkannte Therapiemöglichkeiten mit ausreichender wissenschaftlicher Evidenz. Das gilt für den
biomedizinischen Ansatz genauso wie für den neuroplastischen. Die Behauptung, dass ME/CFS eine unheilbare Krankheit ist, muss infrage gestellt und gründlich untersucht werden. Denn es finden sich
immer mehr Menschen, denen es deutlich besser geht oder die vollständig genesen sind. Dies ist ein Fakt, den man nicht wegdiskutieren kann. Diesen Menschen hat in vielen Fällen der sogenannte
neuroplastische / Mind-Body / Nervensystem-Ansatz geholfen. Die dort vielfach erwähnte Methode "Brain Retraining" ist zwar unter Wissenschaftler:innen und Patient:innen umstritten, spielt bei
diesem Ansatz jedoch eine zentrale Rolle.
Einen kleinen Überblick über die wissenschaftliche Basis des neuroplastischen Ansatzes findest du hier.
Solche Symptome & Syndrome können Ausdruck und Folge von chronischen, meist emotionalen Stressbelastungen sein.
Besonders, wenn...
...in ärztlichen Untersuchungen keine Befunde vorhanden waren, die auf eine eindeutige organische / strukturelle Ursache im Körper hinweisen (deshalb Symptome immer gründlich ärztlich abklären lassen!)
...die Beschwerden kommen und gehen, verschiedene Symptome auftreten (Symptomkomplexe / Syndrome), Schmerzen zu verschiedenen Orten im Körper wandern, ausgedehnt sind, beide Körperhälften betreffen, etc.
...sich die Symptome bei einem Stressor verschlimmern und bei Ruhe nachlassen
...die bisherigen therapeutischen Maßnahmen keinen oder nur einen vorübergehenden Effekt hatten
Bei dieser Art von Syndromen und Symptomen besteht eine Kommunikationsstörung zwischen Gehirn und Körper und das Gehirn fehlinterpretiert körperliche Signale.
Die in vielen Studien und speziellen Diagnoseverfahren festgestellten Auffälligkeiten im Körper und Gehirn sind Folge dieser Störung. Sie bedeuten jedoch nicht, dass es zu dauerhaften Organ- oder
Gewebeschäden bzw. degenerativen Prozessen kommt, die sich nicht mehr verändern lassen.
Stattdessen erholt sich der Organismus vielfach davon – wenn die Selbstheilungskräfte aktiviert werden und die Kommunikationsstörung behoben wird.
Die gefundenen Auffälligkeiten sind nach derzeitigem Wissensstand nicht spezifisch für diese Syndrome und Symptome, erklären nicht zwingend die anhaltenden Beschwerden, sind vermutlich auch nicht
die Ursache, sondern es besteht ein Zusammenhang zwischen den Symptomen und gefundenen Abnormalitäten.
Quelle: Association for the Treatment of Neuroplastic Symptoms (ATNS)
Diese Art von Erkrankungen werden unter anderem als „Mind-Body-Syndrom“, „neuroplastische Erkrankung / Symptom“ (etwa „neuroplastischer Schmerz“), „funktionelle
Erkrankung / Körperbeschwerden / Störung“, „Somatic Symptom Disorder“, „dysreguliertes autonomes Nervensystem“, „Dysautonomie“, „psychophysiologische Erkrankung“, „persistent somatic symptoms“,
etc. bezeichnet.
Ich habe den Begriff „Mind-Body-Syndrom“ von (Prof. emeritus) Dr. Howard Schubiner, dem Mind-Body-Spezialist und Internist aus den USA, übernommen, weil ich ihn greifbar und verständlich
finde.
Weitere neuroplastische Symptome / Mind-Body-Syndrome findest du bei der ATNS.
Wie bereits erwähnt, handelt es sich um eine Kommunikationsstörung zwischen Gehirn und Körper.
Was heißt das genau?
Unser Gehirn ist eine Vorhersagemaschine.
Es macht ständig Vorhersagen, was als Nächstes „außen“ und „innen“ passiert. Das nennt man „Predictive Processing“. Kommen dann die Reize im Gehirn an, gleicht es diese mit seiner Vorhersage und
gespeicherten Erfahrungen ab. Ist alles wie erwartet (und wie immer), freut sich das Gehirn, denn es hat so eine Menge Energie gespart und geht nicht in den Millionen von einströmenden täglichen
Reizen unter.
Stimmt der eintrudelnde Reiz nicht mit der Erwartung überein, merkt das Gehirn „hoppla, da stimmt was nicht“. Das ist der „Prediction Error“. Es muss nun seine Aufmerksamkeit und Energie auf den
Reiz lenken und seine Vorhersage updaten. So hält es den Vorhersagefehler so gering wie möglich. Es speichert diese neue Erfahrung ab, um die Situation das nächste Mal besser vorhersagen zu
können. So geht Neuroplastizität – also die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen, Neues zu lernen und Altes zu verlernen.
Ein Beispiel: Du gehst aus der U-Bahn heraus und nimmst die Rolltreppe. Dein Gehirn sagt voraus, dass die Rolltreppe aktiv ist – wie immer halt. Plötzlich steht sie aber und du stolperst. Der
Vorhersagefehler. Das Gehirn speichert nun ab: Okay, Rolltreppe KANN aktiv sein ODER still stehen. Das nächste Mal schaust du die Rolltreppe an, bevor du blindlings darauf gehst.
Was bedeutet das für deine Mind-Body-Symptome / neuroplastischen Symptome?
Unser Gehirn macht nicht nur permanent Vorhersagen über hereinkommende Reize, sondern bewertet auch, ob diese „sicher“ oder „gefährlich“ sind – basierend auf abgespeicherten Erfahrungen. Ein von
der Norm abweichendes Körpersignal ist ein „Vorhersagefehler“ und potenziell „gefährlich“. Das Gehirn gleicht nun seine Datenbank ab und schaut nach, was dieser Reiz schon mal bedeutet hat. War
schon mal Ausdruck einer Infektion? Einer Verletzung? Ähnelt einem vergangenen traumatischen Erlebnis? Stand im Zusammenhang mit einem sozialen Konflikt? Okay, ist „gefährlich“, ist ein
„Symptom“.
Das Gehirn wird nun in den Alarmmodus versetzt und es werden zahlreiche biochemische Reaktionen und physiologische Veränderungen ausgelöst. Das autonome Nervensystem wird in den Überlebensmodus versetzt, und je nach Situation das Immunsystem, das Hormonsystem, das Herz-Kreislauf-System, das
Muskel-Faszien-Gewebe, der Energiemetabolismus, das Darmmikrobiom und die psycho-emotionale Verfassung verändert.
Das sind die ganzen Symptome, die du spürst und die Verhaltensänderungen, die du automatisch vornimmst: Du legst dich ins Bett, schonst den Fuß, ziehst dich zurück, etc. Es ist der Weg deines
Gehirns, mit dir zu kommunizieren, dir zu sagen, da ist Gefahr, verhalte dich entsprechend.
Je mehr dein Gehirn vor dem auslösenden Ereignis deiner Erkrankung (Infekt, stressige Lebensphase, traumatisches Ereignis) schon im Alarmmodus war, desto wahrscheinlicher kommt es zu
Mind-Body-Syndromen und -Symptomen. Dein Gehirn hält die Symptome aufrecht, weil es weiter im Alarmmodus ist bzw. diesen ständig wieder aktiviert. Auch wenn sich der Körper längst wieder von der
Infektion erholt hat. Auch wenn die Verletzung schon lange verheilt oder das traumatische Ereignis schon lange vergangen ist.
Quelle: Association for the Treatment of Neuroplastic Symptoms (ATNS)
Merke dir: Symptom – Angst, Frust, etc. - Stress, Alarmmodus – Symptom – Angst, etc. - Stress, Alarmmodus – Symptom, usw. Das ist die, wie ich es nenne, „negative Feedbackschleife
in deinem Gehirn“.
Wichtig: Du bist nicht schuld daran, dass diese gedanklichen und emotionalen Faktoren die Symptome aufrechterhalten. Du bist auch nicht verantwortlich dafür. Das Ganze ist keine bewusste
Entscheidung, sondern passiert unter unserem Radar.
Die gute Nachricht ist: Das Ganze ist reversibel! Genauso wie dein Gehirn die Symptome „gelernt“ hat, kann es diese auch wieder „verlernen“.
Hinweis: Dieser Text und das Video entstammen dem Mind-Body-Balance Programm und
dem Brain Retraining Kurs in gekürzter Version.
Die Inhalte auf dieser Seite dienen außerdem nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder
Therapeuten, bevor du Entscheidungen triffst, die deine körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Jeder Weg in ein Mind-Body-Syndrom ist etwas Individuelles, und jeder Weg
heraus.
