Neuroplastischer Ansatz bei ME/CFS & Long Covid: Die wissenschaftliche Basis

 

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 21.3.26

 

 

ME/CFS gilt als unheilbare Krankheit. Diese Annahme verbreiten Wissenschaftler:innen, Qualitätsmedien und Patient:innen. Dieselbe Annahme gilt, wenn eine Person „Long Covid“ hat und die Kriterien für ME/CFS erfüllt. 

Dennoch erholen sich zahlreiche Menschen von ME/CFS und Long Covid (mit ME/CFS). Das zeigen zum Beispiel Podcasts, auf denen sie ihre Geschichten teilen. Dazu zählen unter anderem „The Raelan Agle Podcast“ (Englisch), „Superhelden ohne Cape“ (Deutsch), „The story behind the symptoms“ (Englisch), „Ich werde gesund“ (Deutsch, mein Podcast), „Fasynation“ (Deutsch) und „The Cure for Chronic Pain“ (Englisch).

Die Annahme, die Erkrankung sei unheilbar, kann daher nicht stimmen. Diese Erkenntnis teilen auch Wissenschaftler:innen. Miller et al. schreiben in einem Meinungsbeitrag (1): Die unbewiesene Darstellung einer Krankheit, für die es weder Heilung noch Besserung oder Genesung gibt, kann schädlich sein und ist falsch. Und weiter: Eine neue Sichtweise auf die Krankheit kann in Verbindung mit einer fachärztlichen Rehabilitation die Genesung von Menschen mit schwerem ME/CFS unterstützen.

Das Oslo Chronic Fatigue Consortium, ein internationaler Zusammenschluss von Wissenschaftlern zur Erforschung chronischer Fatigue, schreibt (2): Wir stellen die gängige Auffassung infrage, dass chronische Erschöpfungssyndrome, einschließlich Post-Covid-Erkrankungen, unheilbare Krankheiten seien. Stattdessen schlagen wir eine alternative Sichtweise vor, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und den Patienten mehr Hoffnung gibt.

 

ME/CFS und Long Covid: Eine Kommunikationsstörung zwischen Gehirn und Körper?

Neben der rein biomedizinischen Erklärung für diese Erkrankungen hat sich eine weitere etabliert. Sie stammt aus der Neurowissenschaft und Psychosomatik. Demnach erhöhen bestimmte biologische, psychologische und soziale Faktoren die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid und ME/CFS zu erkranken (biopsychosoziales Krankheitsmodell). 

So kommt etwa eine Studie von Fazekas et al. zu dem Schluss: Ein höheres Maß an bereits zuvor empfundenem chronischem Stress erhöht das Risiko, an einem anhaltenden symptomatischen COVID-19-Verlauf zu erkranken (3). Heim et al. schreiben:  Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kindheitstraumata ein wichtiger Risikofaktor für CFS sind. Ein Trauma in der Kindheit war über verschiedene Traumatypen hinweg mit einem 3- bis 8-fach erhöhten Risiko für CFS verbunden (4). Muller et al. schlussfolgern in einem Review: Die vier häufigsten Faktoren, die ME/CFS auslösten, waren: immunologische Faktoren (297 Studien), psychologische Faktoren (243), Infektionen (198) und neuroendokrine Faktoren (198) (5). 

Saunders et al. kommentieren (8): Trotz intensiver Forschung auf diesem Gebiet konnte bislang keine eindeutige Pathogenese ermittelt werden, die das gesamte Spektrum der Long-COVID-Symptome erklären könnte. Zwei Studien haben gezeigt, dass die Symptome der Patienten in vielen Fällen über den Zeitpunkt hinaus anhalten, ab dem sie durch pathophysiologische Beobachtungen hinreichend erklärt werden könnten. Long COVID könnte als ein körperlich verlebtes Leiden beschrieben werden, bei dem heterogene biologische, psychologische (erfahrungsbezogene) und soziale (oder umweltbedingte) Faktoren in komplexen Wechselbeziehungen miteinander verflochten sind.

Der Grund, weshalb Symptome nach solchen auslösenden Faktoren weiter persistieren, könnte die Art und Weise sein, wie das Hirn arbeitet. Das Gehirn erstellt permanent Vorhersagen, um die Informationen aus der Außenwelt und dem Körper einordnen zu können. Das nennt man Predictive Processing oder Predictive Coding. 

Löwe et al. beschreiben das in einer Überblicksarbeit zu persistierenden körperlichen Symptomen wie Schmerz, Fatigue, Schwindel, Herzrasen, Verstopfung, Schwächegefühl, etc. (6): 

Obwohl biomedizinische Faktoren in der Regel, wenn auch nicht immer, für die Entstehung kurzfristiger Symptome von zentraler Bedeutung sind, scheinen psychologische Faktoren (wie die Überzeugungen oder Erwartungen des Patienten) und soziale Faktoren für das langfristige Fortbestehen somatischer Symptome eine größere Rolle zu spielen. 

Häufige biomedizinische Faktoren wie anhaltende Entzündungen und Dysregulationen des Immun-, autonomen, Stoffwechsel- und Mikrobiomsystems sowie genetische und epigenetische Faktoren können dazu führen, dass somatische Symptome fortbestehen oder sich verstärken. Zu den kognitiv-perzeptuellen und emotionalen Prozessen, die als aufrechterhaltende und verschlimmernde Faktoren bei der Entwicklung anhaltender körperlicher Symptome bei verschiedenen Erkrankungen gelten, gehören selektive Aufmerksamkeit und eine gesteigerte Wahrnehmung körperlicher Empfindungen, katastrophisierende Interpretationen, dysfunktionale Gesundheitsverhalten und somatosensorische Verstärkung. Alexithymie, ein Defizit in der Wahrnehmung und Regulierung von Emotionen, gilt als affektiver Risikofaktor. Auf der kognitiv-verhaltensbezogenen Ebene spielen Lernprozesse und Vermeidungsverhalten wie körperliche Inaktivität und daraus resultierende Dekonditionierung ebenfalls eine Rolle bei der Aufrechterhaltung und Verstärkung somatischer Symptome.

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass Symptome ungenaue Abbildungen von Körperzuständen sind. Diese Ungenauigkeit kann zu einer Über- oder Unterschätzung der Aktivität von Krankheitsprozessen führen. Von zentraler Bedeutung für eine zeitgemäße neurowissenschaftliche Erklärung von Symptomen ist der Prozess der prädiktiven Kodierung.

Bei anhaltenden körperlichen Symptomen deuten die Erkenntnisse darauf hin, dass Vorannahmen, die auf implizit erlernten Erfahrungen mit Symptomen oder expliziten Überzeugungen beruhen, einen dominierenden Einfluss haben, während die Wirkung aufsteigender Signale (Anm.: aus dem Körper) abgeschwächt wird. Somit erklären Modelle der prädiktiven Kodierung, wie somatische Symptome auch ohne sensorische Reize langfristig bestehen bleiben können, sofern starke Vorannahmen vorhanden sind.

Ich zitiere eine weitere wissenschaftliche Arbeit von Joffe und Elliott (7) zu Long Covid:

Im Bayesian predictive coding Modell beeinflussen mehrere Faktoren die Wahrnehmung von Symptomen. Erstens die Art der sensorischen Reize. Wenn die Reize weniger intensiv, eher systemisch und weitverbreitet sind und keine klaren Grenzen zwischen „Ein“ und „Aus“ aufweisen (z. B. bei Fatigue oder Unwohlsein) oder wenn eine interozeptive Dysfunktion mit einem niedrigen Signal-Rausch-Verhältnis vorliegt (z. B. bei chronischem Stress mit Aktivierung der Zytokin- und Stressachsen), verringert dies die Präzision der sensorischen Reize, wodurch vorherige Erwartungen mehr Raum erhalten, die Wahrnehmung zu bestimmen. Umgekehrt können, wenn Reize mit starken Hinweisen verbunden sind (z. B. vorherige Symptome einer Virusinfektion oder Panikattacken), diese Hinweise später starke vorherige Erwartungen aktivieren, die eingehende sensorische Störsignale überlagern.

Zweitens: der Fokus der Aufmerksamkeit. Man kann sich die Aufmerksamkeit so vorstellen, dass sie das Gleichgewicht zwischen den „Gewichten“ der sensorischen Reize und den vorherigen Erwartungen reguliert. Drittens: Genetische Einflüsse. So scheinen Frauen beispielsweise empfindlicher auf kontextuelle Hinweise zu reagieren, die ihre vorherigen Erwartungen beeinflussen. 

Viertens: Trait-Angst, insbesondere angesichts einer erwarteten Bedrohung und negativer Emotionen (mit Schadensvermeidung, Katastrophisierung und Furcht). Chronische Sorgen und Stress können einen Teufelskreis auslösen, mit erhöhter Bedrohungs- und Salienzerkennung (z. B. durch die Aktivierung von Vorannahmen, die eine Bedrohung vorhersagen und kategorisch präzise sind) und führen zu aktiver Inferenz (z. B. Aktivierung des autonomen Nervensystems, des endokrinen und des Immunsystems, um ungenaue Eingaben zu erzeugen, die den vorherigen Vorhersagen entsprechen), was die vorherige Überzeugung verstärkt. Fünftens: Top-down-Vorannahmen und -Erwartungen. Sich selbst erfüllende gesundheitsbezogene Erwartungen können zu pathologisch präzisen Vorannahmen führen. 

All diese Faktoren können dazu führen, dass bei der hierarchisch-bayesschen Verarbeitung im Gehirn drei falsche Schlussfolgerungen gezogen werden. Erstens: „Autonomes Entstehen einer Wahrnehmung oder Überzeugung, die nach einer Top-down-Modulation der synaptischen Verstärkung durch die Aufmerksamkeit mit ungerechtfertigter Gewissheit (Präzision) vertreten wird.“ Zweitens: Diese Wahrnehmung „wird fälschlicherweise als Symptom interpretiert, um zu erklären, warum ihr Inhalt von der [übergeordneten] Quelle der Aufmerksamkeitsmodulation nicht vorhergesagt wurde.“ Drittens: Aktive Inferenz, bei der Interaktionen zu sensorischen Eingaben führen, die den Vorhersagen entsprechen und die Präzision abnormaler vorheriger Erwartungen verstärken.

Das Oslo Chronic Fatigue Network schreibt (2): 

Nach 40 Jahren Forschung zu CFS/ME konnte weder ein spezifischer biologischer Defekt oder eine Pathologie noch ein spezifischer Biomarker identifiziert werden. Zwar wurde über zahlreiche pathophysiologische Anomalien berichtet, doch handelt es sich dabei nach wie vor um unspezifische Zusammenhänge. Ähnliche Anomalien wurden auch bei Patienten mit anderen Erkrankungen festgestellt, darunter chronische Schmerzen und Fibromyalgie, sowie bei Erkrankungen, die üblicherweise als „psychologisch“ bezeichnet werden. Wir halten es daher für an der Zeit, alternative Perspektiven zu untersuchen, die sowohl psychologische, soziale als auch biologische Faktoren einbeziehen. 

Diese neue Sichtweise betrachtet die Symptome dieser Erschöpfungszustände als real. Diese Symptome entstehen, wie alle Wahrnehmungen, aus der synchronisierten Aktivität komplexer neuronaler Netzwerke im Gehirn. Diese Aktivität kann zwar durch Signale ausgelöst werden, die im Körpergewebe entstehen, sie kann aber auch ohne solche Signale auftreten. 

Angesichts wahrgenommener Bedrohungen für unser Wohlbefinden erzeugen unsere Hirnnetze Alarmsignale in Form von Symptomen wie Erschöpfung und Schmerzen, um uns zu warnen. Diese Alarme können als entscheidende Prozesse angesehen werden, die im Laufe der Evolution ausgewählt wurden, um uns zu schützen. Genauer gesagt signalisiert Schmerz eine Gewebeschädigung, und Müdigkeit signalisiert ein Ungleichgewicht zwischen erforderlicher Anstrengung, erwarteter Belohnung und verfügbaren Ressourcen, doch sie werden auch durch den Kontext reguliert und beeinflusst.

Diese wahrgenommenen Bedrohungen unserer Sicherheit können eine Stressreaktion automatisierter körperlicher Abwehrmechanismen hervorrufen, die aus miteinander verknüpften immunologischen, hormonellen, kognitiven und verhaltensbezogenen Anpassungen bestehen. Diese Reaktion ist zunächst vorübergehend und adaptiv, kann jedoch persistent und maladaptiv werden und chronisch den Schlaf sowie die kognitiven Funktionen beeinträchtigen. Ein hohes Maß an Neuroplastizität in diesem Alarmsystem birgt das Risiko assoziativen Lernens, wodurch die Alarme durch harmlose Reize (durch klassische Konditionierung) reaktiviert werden.

Es könnte also eine Art Kommunikationsstörung zwischen Gehirn und Körper vorliegen, die durch emotionale, gedankliche und verhaltensbezogene Faktoren aufrechterhalten wird. Diese aktivieren dann wieder biologische Faktoren.

 

Warum Genesungsgeschichten so wichtig sind

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Als ich vor einigen Jahren den YouTube-Kanal von Raelan Agle fand, auf dem sie ihre eigene und seitdem Hunderte andere  Genesungsgeschichten teilt, eröffnete sich mir eine neue Welt. Ich schöpfte Hoffnung. Es war möglich, dass sich mein Zustand bessert oder ich mich sogar wieder erhole.

Erste Studien bestätigen meine persönliche Erfahrung und zeigen zudem, dass Genesung möglich ist.

Bakken et al. befragten 14 Menschen, die sehr schweres ME/CFS hatten und sich als vollständig genesen davon bezeichneten (9). Ergebnis: Es gab einen deutlichen Wendepunkt, den diese Menschen nannten. „Die Teilnehmer durchliefen einen tiefgreifenden narrativen Wandel, eine Veränderung ihrer Denkweise und eine anschließende langfristige Arbeit an der aktiven Verfolgung ihrer eigenen Heilung. Ihr narratives Verständnis, hilflose Opfer einer Krankheit zu sein, wurde durch eine komplexere Sichtweise auf Kausalität und Krankheit ersetzt, und es entwickelte sich ein neues Gefühl der Selbstwirksamkeit.“


Krabbe et al. sprachen mit 13 jungen Frauen, die sich von schwerem ME/CFS erholt hatten (10): „Die Genesung von ME/CFS erweist sich als ein zwischenmenschlicher, kontextabhängiger, fragiler und nichtlinearer Prozess der Rückkehr zu sich selbst, der auf einer sich allmählich vertiefenden körperbasierten Selbsterkenntnis beruht. Die Krankheit tritt langsam in den Hintergrund, und es zeichnet sich die Aussicht auf eine gesündere Zukunft ab. Es ist von entscheidender Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass der Genesungsprozess in der Regel Jahre dauert und dabei Rückschläge unvermeidlich sind. Die Veranschaulichung dieser zeitlichen Dimension kann den Betroffenen helfen, indem sie den Wert von Geduld, Lernbereitschaft und der Entschlossenheit, niemals aufzugeben, verdeutlicht.“

Das Oslo Chronic Fatigue Network ergänzt (2): „Wir sind der Überzeugung, dass die Stimme der Patienten wichtig ist und dass diese Stimme auch diejenigen einbeziehen muss, denen es besser geht oder die sich von der Krankheit erholt haben, und nicht nur diejenigen, die weiterhin erkrankt sind. Diejenigen, denen es durch kognitive, verhaltensbezogene und stressmindernde Strategien besser geht oder die sich erholt haben, können besondere Einblicke sowohl in die Erfahrung der Krankheit als auch in die Wege aus ihr heraus bieten.“

Immer wieder erlebe ich jedoch, dass ich oder die Menschen, die ihre Geschichte bei mir teilen, von Erkrankten angegriffen werden. Und dies wird auch in Studien thematisiert. Ich finde mich zum Beispiel in diesem Mann wieder, der über seine diesbezüglichen Erfahrungen bei Bakken et. al spricht: „Seine Geschichte zu teilen, ist nicht ohne Preis. Man kann ins Kreuzfeuer hitziger öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten über ME/CFS geraten. Es wird angezweifelt, dass man „echtes“ ME/CFS hatte, dass man wirklich genesen ist.“

 

Der Mind-Body-Ansatz als Therapiemöglichkeit?

Die zahlreichen, im Internet veröffentlichten, Genesungsgeschichten zeigen, dass jeder Genesungsweg sehr individuell ist. Dennoch berichten viele Menschen immer wieder vom sogenannten „Mind-Body-Ansatz“, „Nervensystem-Ansatz“ oder „neuroplastischen Ansatz“, der geholfen hat. Damit soll verdeutlicht werden, dass Prozesse in Körper und Geist, im autonomen Nervensystem und im Gehirn (durch Neuroplastizität) bei der Erkrankung und der Genesung eine wichtige Rolle gespielt haben.

Derzeit gibt es noch sehr wenige Untersuchungen, die sich mit diesem Ansatz als potenzieller Therapiemöglichkeit beschäftigt haben. Das wird sich hoffentlich ändern.

Einige Auszüge zu Therapiemaßnahmen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen:

  • Veränderung dysfunktionaler Symptom- und Behandlungserwartungen, Bewältigung krankheitsbedingter Ängste, Veränderung katastrophaler Interpretationen, Symptomfokussierung und somatosensorischer Verstärkung, Verringerung der durch Symptome bedingten Beeinträchtigung, Bereitstellung eines biopsychosozialen Erklärungsmodells, Behandlung komorbider depressiver Störungen, Angststörungen und Schlafstörungen, Verbesserung der Fähigkeiten zur Emotionsregulation, Aufarbeitung von Traumata aus der frühen Kindheit (6).
  • Verringerung veränderbarer Risikofaktoren für funktionelle Syndrome: Dies würde eine Verringerung von Gesundheitsängsten (einschließlich Sorgen und Katastrophendenken), Depressionen, Ängsten (einschließlich erwarteter Bedrohungen und übermäßig negativer Erwartungen), negativer Berichterstattung in den Medien (auch durch medizinische „Experten“), sozialer Isolation und Bewegungsmangel bedeuten. Verringerung modifizierbarer aufrechterhaltender Faktoren für funktionelle Syndrome: Dies würde die Verringerung von körperlicher Inaktivität, sozialer Isolation, Gesundheitsangst (mit unhilfreichen Kognitionen und Ängsten), Depressionen, sozialer Verstärkung sowie der Ansteckung durch (manchmal dramatische) Übertreibungen in konventionellen und sozialen Medien und verspäteter oder fehlender Diagnose beinhalten (7). 
  • Eine Psychophysiologische Symptomlinderungstherapie (PSRT) kann die Symptombelastung bei Patienten mit PASC (post-acute sequelae of coronavirus disease) ohne Anzeichen einer Organschädigung wirksam verringern. Das Ziel der PSRT besteht darin, zugrunde liegende Stressfaktoren und psychologische Einflussgrößen anzugehen, um konditionierte Symptomreaktionen und angst-vermeidende Verhaltensweisen zu mildern, die durch diese Faktoren ausgelöst werden (11). 
  • Kurzzeit-Rehaprogramm für Folgeerkrankungen nach COVID-19: Die Intervention basierte darauf, dass jedes stressreiche Ereignis (sowohl psychisch als auch biologisch) eine adaptive Reaktion erfordert, die körperliche Symptome mit sich bringen kann. Normalerweise ist die adaptive Reaktion kurz und selbstlimitierend. Eine anhaltende Reaktion kann jedoch nachteilige Auswirkungen haben und zu einer Vielzahl von körperlichen Symptomen führen. Kognitive Faktoren, wie unbewusste Erwartungen, sind entscheidende Determinanten für das Ausmaß und die Dauer der adaptiven Reaktion. Von besonderer Bedeutung sind die durch klassische Konditionierung beeinflussten Reiz-Erwartungen und die bei operanter Konditionierung auftretenden Reaktionserwartungen.Die Veränderung dieser Erwartungen ist somit das Ziel der Intervention. In dieser randomisierten klinischen Studie erwies sich das Programm als Ansatz bei Patienten mit Folgeerkrankungen nach COVID-19 als wirksam und sicher (12).
  • Mind-Body-Reprogrammierungstherapie bei Long COVID: Das Behandlungsprogramm MBRT richtet sich an Patienten, deren Funktionsfähigkeit aufgrund von Long COVID erheblich eingeschränkt ist. Es besteht aus zwei Komponenten, die beide auf drei theoretischen Grundpfeilern basieren. Der erste ist ein Aufklärungsmodul, das die Symptome der Patienten anschaulich erklärt. Der zweite umfasst praktische Techniken und Übungen, die auf die Stressregulation und die Verarbeitung von Symptomwarnsignalen durch das Gehirn abzielen. Die drei theoretischen Säulen, auf denen die Intervention basiert, sind 1) prädiktive Verarbeitung, 2) klassische und operante Konditionierung sowie 3) die Relational-Frame-Theorie. MBRT hilft Patienten dabei, maladaptive „Alarm“-Schaltkreise im Gehirn neu zu kalibrieren und zu deaktivieren, was zu einer Verringerung der Symptome – und in einigen Fällen zu einer vollständigen Genesung – führt. Diese Hypothese wird derzeit in einer laufenden randomisierten kontrollierten Studie evaluiert.
  • Überblicksarbeit zu Mind-Body-Therapien bei ME/CFS: Zu den Interventionen zählten achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, Entspannungstechniken, Qigong, kognitiv-verhaltenstherapeutisches Stressmanagement, Akzeptanz- und Commitment-Therapie sowie isometrisches Yoga. Die am häufigsten gemessenen Endpunkte waren das Ausmaß der Fatigue, Angstzustände/Depressionen und die Lebensqualität. In neun bzw. acht Studien zeigten sich Verbesserungen hinsichtlich des Ausmaßes der Fatigue und der Angst- und Depressionssymptome, und drei Studien kamen zu dem Ergebnis, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen die Lebensqualität verbesserten (14).


Hinweis: Auch wenn es teilweise etwas schwer verständlich ist, habe ich bewusst weitgehend die Originalformulierungen aus den genannten Quellen beibehalten. Dieser Text soll verdeutlichen, dass der Ansatz eine wissenschaftliche Basis hat.

Mein Interessenskonflikt: 

Ich begleite Menschen, die unter anderem von Long Covid oder ME/CFS betroffen sind durch Coachings und Kurse.

 

quellen

(1) Miller A, Symington F, Garner P, Pedersen M. Patients with severe ME/CFS need hope and expert multidisciplinary care BMJ 2025; 389 :r977 doi:10.1136/bmj.r977

(2) Oslo Chronic Fatigue Consortium; Alme TN, Andreasson A, Asprusten TT, Bakken AK, Beadsworth MB, Boye B, Brodal PA, Brodwall EM, Brurberg KG, Bugge I, Chalder T, Due R, Eriksen HR, Fink PK, Flottorp SA, Fors EA, Jensen BF, Fundingsrud HP, Garner P, Havdal LB, Helgeland H, Jacobsen HB, Johnson GE, Jonsjö M, Knoop H, Landmark L, Launes G, Lekander M, Linnros H, Lindsäter E, Liira H, Linnestad L, Loge JH, Lyby PS, Malik S, Malt UF, Moe T, Norlin AK, Pedersen M, Pignatiello SE, Rask CU, Reme SE, Roksund G, Sainio M, Sharpe M, Thorkildsen RF, van Roy B, Vandvik PO, Vogt H, Wyller HB, Wyller VBB. Chronic fatigue syndromes: real illnesses that people can recover from. Scand J Prim Health Care. 2023 Dec;41(4):372-376. doi: 10.1080/02813432.2023.2235609. Epub 2023 Nov 29. PMID: 37740918; PMCID: PMC11001335 

(3) Christian Fazekas, Nandu Goswami, Franziska Matzer, Alexander Avian, Julia Lodron, Marc Rijksen, Barbara Hanfstingl, Voyko Kavcic, Andrea Groselj-Strele, Harald Sourij, Harald H. Kessler, Evelyn Stelzl, Clarissa Daniela Voegel, Tina Maria Binz, Karin Schmid-Zalaudek, Alexander Wittmann, Stefan Pilz; Perceived Chronic Stress prior to SARS-CoV-2 Infection Predicts Ongoing Symptomatic COVID-19: A Prospective Cohort Study. Psychother Psychosom 9 February 2026; 95 (1): 76–87. https://doi.org/10.1159/000547858 

(4) Heim C, Wagner D, Maloney E, et al. Early Adverse Experience and Risk for Chronic Fatigue Syndrome: Results From a Population-Based Study. Arch Gen Psychiatry. 2006;63(11):1258–1266. doi:10.1001/archpsyc.63.11.1258

(5) Muller AE, Tveito K, Bakken IJ, Flottorp SA, Mjaaland S, Larun L. Potential causal factors of CFS/ME: a concise and systematic scoping review of factors researched. J Transl Med. 2020 Dec 14;18(1):484. doi: 10.1186/s12967-020-02665-6. PMID: 33317576; PMCID: PMC7734915

(6) Löwe B, Toussaint A, Rosmalen J et al. Persistent physical symptoms: definition, genesis, and management. The Lancet, 403, 2649-2662


(7) Joffe AR, Elliott A. Long COVID as a functional somatic symptom disorder caused by abnormally precise prior expectations during Bayesian perceptual processing: A new hypothesis and implications for pandemic response. SAGE Open Med. 2023 Aug 24;11:20503121231194400. doi: 10.1177/20503121231194400. PMID: 37655303; PMCID: PMC10467233 

(8) Saunders C, Sperling S, Bendstrup E. A new paradigm is needed to explain long COVID. The Lancet Respiratory Medicine, 2023; 11, e12-e13


(9) Bakken, A. K., Mengshoel, A. M., Synnes, O., & Strand, E. B. (2023). Acquiring a new understanding of illness and agency: a narrative study of recovering from chronic fatigue syndrome. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-Being, 18(1). https://doi.org/10.1080/17482631.2023.2223420 

(10) Krabbe, S. H., Groven, K. S., Schrøder Bjorbækmo, W., Sveen, U., & Mengshoel, A. M. (2023). The fragile process of Homecoming - Young women in recovery from severe ME/CFS. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-Being, 18(1). https://doi.org/10.1080/17482631.2022.2146244 

(11) Donnino M, Howard P, Mehta S, Silverman J, Cabrera MJ, Yamin JB, Balaji L, Berg KM, Heydrick S, Edwards R, Grossestreuer AV. Psychophysiologic Symptom Relief Therapy (PSRT) for Post-acute Sequelae of COVID-19. Mayo Clin Proc Innov Qual Outcomes. 2023 May 19;7(4):337–48. doi: 10.1016/j.mayocpiqo.2023.05.002. Epub ahead of print. PMID: 37361483; PMCID: PMC10196153 

(12) Nerli TF, Selvakumar J, Cvejic E, et al. Brief Outpatient Rehabilitation Program for Post–COVID-19 Condition: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2024;7(12):e2450744. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.50744 

(13) Henrik Børsting Jacobsen, Silje Endresen Reme. Mind-Body Reprogramming Therapy for long COVID: Theory and practice. Authorea. July 09, 2025 

(14) Khanpour Ardestani S, Karkhaneh M, Stein E, Punja S, Junqueira DR, Kuzmyn T, Pearson M, Smith L, Olson K, Vohra S. Systematic Review of Mind-Body Interventions to Treat Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Medicina (Kaunas). 2021 Jun 24;57(7):652. doi: 10.3390/medicina57070652. PMID: 34202826; PMCID: PMC8305555