Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 20.7.26
Hinweis: Jürgen hat netterweise diese Zusammenfassung zur Verfügung gestellt
Nach einer Corona-Infektion im Jahr 2021 entwickelte Jürgen vor allem neurologische Beschwerden wie Benommenheit, Taubheitsgefühle sowie ausgeprägte Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Vorausgegangen war bereits eine Phase hoher Belastung durch die Pandemie, die Lockdowns und den Abschluss seines Studiums an der Universität.
Es folgten viele Monate intensiver Ursachensuche mit umfangreicher ärztlicher und labormedizinischer Diagnostik, Post-Covid-Abklärung, verschiedenen Therapieansätzen, einzelnen Klinikaufenthalten
und zahlreichen ergänzenden Behandlungen. Besonders wichtig war für Jürgen dabei auch die Suche nach objektivierbaren Hinweisen, dass seine Beschwerden nicht einfach „nur psychisch“ oder
eingebildet waren. Auffälligkeiten unter anderem im Neurostress-Profil, im immunologischen Bereich sowie bei der Diagnostik von (autoimmunen) Entzündungsprozessen halfen ihm, die körperliche
Dimension seines Zustands besser einzuordnen und der eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen.
Im Video-Interview und Podcast erzählt Jürgen, was ihm alles geholfen hat, um aus Long Covid
herauszukommen und wieder gesund zu werden:
Was hilfreich war bzw. ausprobiert wurde, aber nicht den entscheidenden Durchbruch brachte
- Verschiedene medizinische, komplementäre und therapeutische Ansätze halfen teilweise bei der Einordnung oder waren Teil des individuellen Genesungsweges. Dazu gehörten unter anderem Diagnostik bei funktionellen Medizinern und Heilpraktikern, verschiedene Nahrungsergänzungsmittel mit dem Ziel, systemische Entzündungsprozesse und Neuroinflammation zu reduzieren, Infusionen, Ozontherapie, TCM, IHHT, hyperbare Sauerstofftherapie, Nikotinpflaster, Infrarotsauna, Kryotherapie, Biofeedback, Entspannungsverfahren, Yoga, Klinikaufenthalte sowie verschiedene körper- und traumatherapeutische Ansätze wie SE, TRE und NARM.
- Das Buch von Florian Schilling „Long Covid“ war hilfreich
- Einen einzelnen „Game Changer“ oder eine Wundertherapie gab es jedoch nicht. Rückblickend war gerade das eine der wichtigsten Erkenntnisse: Wie hilfreich einzelne Ansätze waren, hing immer auch vom jeweiligen Lebenskontext und der gesamten Belastungssituation ab.
- Denn auch die ständige Suche nach der nächsten möglichen Behandlung konnte selbst neuen Stress erzeugen: die Sorge, vielleicht genau jene Methode noch nicht ausprobiert zu haben, die den entscheidenden Durchbruch bringen könnte. Ein wichtiger, aber herausfordernder Teil des Weges bestand deshalb auch darin, sich trotz aller Ungeduld immer wieder in Geduld zu üben und dem Körper Zeit, Vertrauen und Raum für Heilung zu geben.
- Gleichzeitig wurde zunehmend deutlich, wie stark der gesamte Lebenskontext den Genesungsprozess beeinflusste: finanzielle Handlungsfähigkeit, soziale Sicherheit, Zukunftsperspektive sowie Wohn-, Studien- und Arbeitssituation. Entscheidend war letztlich auch die Frage, ob im eigenen Leben überhaupt wieder ausreichend Sicherheit, Entlastung und eine realistische Perspektive entstehen konnten.
Was letztlich zur Stabilisierung und Genesung beitrug
- Wenn körperliche Beschwerden, Existenzangst, soziale Unsicherheit, innere Alarmierung und berufliche Perspektivlosigkeit gleichzeitig aktiv sind, reicht es möglicherweise nicht, nur an einem Punkt anzusetzen. Werden jedoch nach und nach mehrere dieser Brennpunkte entschärft, kann ein Umfeld entstehen, in dem auch andere therapeutische Ansätze besser greifen und Genesung wieder möglich wird.
- Entscheidend war daher zunehmend das Zusammenspiel verschiedener Faktoren: ein besseres Verständnis des eigenen Nervensystems und der individuellen Stress- und Traumadynamik, soziale und ambulante Unterstützung unter anderem durch Soziotherapie, KI als ergänzendes Reflexions- und Co-Regulationsinstrument sowie zur Aufarbeitung der belastenden vergangenen Jahre, neue berufliche Perspektiven und schließlich die für Jürgen über die Jahre erstmals deutlich hilfreich empfundene medikamentöse Behandlung mit Pregabalin und Buspiron.
- Diese Kombination half ihm dabei, die anhaltende innere Alarmierung zu reduzieren, wieder mehr Sicherheit im eigenen Körper und Nervensystem zu erleben und zunehmend Vertrauen in die eigene Zukunft zurückzugewinnen. Die wiedergewonnene Stabilität und Leistungsfähigkeit zeigten sich schließlich auch darin, dass er beruflich wieder Fuß fassen und zuletzt erfolgreich eine Weiterbildung zum Systemischen Coach und Berater abschließen konnte.
Seine wichtigsten Key Learnings
- Objektivierbare Befunde können emotional enorm entlasten: Für ihn war es wichtig, Hinweise darauf zu finden, dass seine Beschwerden nicht bloß eingebildet oder rein psychisch waren. Auffällige Befunde im Stress- und Immunbereich sowie bei Entzündungsprozessen gaben seinem Erleben eine zusätzliche medizinische Einordnung.
- Genesung entsteht im Gesamtkontext: Es gab bei ihm nicht den einen Game Changer. Entscheidend war das Zusammenspiel vieler Puzzlesteine, darunter körperliche Stabilisierung, Nervensystemregulation, Medikamente und individuell hilfreiche Nahrungsergänzungsmittel, soziale Unterstützung, die Entschärfung existenzieller Belastungen, neue Zukunftsperspektiven und wiedergewonnene Handlungsfähigkeit.
- Auch eine wirksame Intervention ist kontextabhängig: Ein Medikament, eine Therapie oder eine Methode wirkt nicht im luftleeren Raum. Derselbe Ansatz kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich greifen, je nachdem, welche weiteren Belastungsfaktoren gleichzeitig aktiv sind. Werden mehrere Brennpunkte entschärft, können auch andere Ansätze besser wirken.
- Sicherheit und Co-Regulation sind zentrale Gesundheitsfaktoren: Fehlende familiäre Unterstützung, Isolation, finanzielle Unsicherheit und die gesellschaftliche Angst- und Polarisierungsatmosphäre der Coronazeit waren zusätzliche Belastungen. Gerade Stigmatisierung, Vorverurteilung und das Gefühl, über bestimmte Erfahrungen nicht offen sprechen zu können, erschwerten für ihn Sicherheit und Entlastung. Familiäre Unterstützung, ein verlässlicher Partner oder ein stabiles soziales Umfeld bleiben in Genesungsgeschichten möglicherweise gerade deshalb oft unerwähnt, weil sie für viele Menschen selbstverständlich sind. Wer darauf nicht zurückgreifen kann, erlebt umso deutlicher, wie sehr fehlende Sicherheit einen Genesungsprozess erschweren und verlängern kann.
Jürgens Botschaft
„Meine Genesung war kein linearer Weg und keine Geschichte von der einen Wundertherapie. Entscheidend war das Zusammenspiel vieler Puzzlesteine und die Erkenntnis, dass keine Intervention im
luftleeren Raum wirkt. Ein Medikament, eine Therapie oder eine Methode kann möglicherweise besser greifen, wenn gleichzeitig andere körperliche, soziale oder existenzielle Brennpunkte entschärft
werden.“
Kontakt zu Jürgen:
Privater Instagram-Account: https://www.instagram.com/jrgn_s
Mentoring-Account: https://www.instagram.com/jts.mentoring
Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder Therapeuten, bevor du Entscheidungen triffst, die deine körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Jeder Weg in ein Mind-Body-Syndrom / neuroplastisches Symptom ist etwas Individuelles, und jeder Weg heraus.



