Ist Brain Retraining gleich „positives Denken“?

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 7.4.26

 

Hinweis: Einige Patientenorganisationen raten Menschen mit ME/CFS davon ab, "Brain Retraining" zu machen. Dies könne schädlich sein und falsche Erwartungen an eine mögliche Selbstheilung schüren. Außerdem würde dies auf falschen Annahmen zur Krankheitsentstehung basieren. 

Ich kann dazu nur sagen, dass es in meiner Wahrnehmung einige bis viele Menschen unterstützt, weshalb auch ich mit solchen Techniken arbeite. Zur Krankheitsentstehung von ME/CFS gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Den Ansatz, dem ich folge, habe ich hier zusammengefasst.

Außerdem wichtig: Bevor du an ein Mind-Body-Syndrom denkst, Symptome immer erst gründlich ärztlich abklären lassen, um andere Erkrankungen ausschließen zu können.

 

In der Genesungscommunity von ME/CFS, Long Covid, aber auch von chronischen noziplastischen Schmerzen wie der Fibromyalgie oder chronischer Migräne gehen Begriffe wie „Brain Retraining“ oder „Pain Reprocessing Therapy“ um. 

Es sind Techniken, die vielen Menschen zu deutlicher Besserung oder sogar vollständiger Genesung verhelfen – zumindest, wenn sie dem Mind-Body-Ansatz bzw. neuroplastischen Ansatz für diese Syndrome und Symptome folgen. 

Von Menschen, die dem rein biomedizinischen Ansatz für ME/CFS und Long Covid folgen, werden diese Techniken häufig als „positives Denken“ abgetan oder sogar als schädlich kritisiert.

 

Was macht man beim Brain Retraining?

An anderer Stelle auf meiner Webseite erkläre ich den Mind-Body- bzw. neuroplastischen Ansatz für die oben genannten Syndrome und Symptome. Macht diese Erklärung für einem Sinn, steckt das Gehirn quasi im Alarmmodus fest und versetzt das autonome Nervensystem ständig in den Überlebensmodus. Durch Brain Retraining will man erreichen, das Gehirn und Nervensystem aus diesem Dauerstresszustand herauszuholen und damit die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Man trainiert dazu die fehlerhaft erlernte Antwort des Gehirns auf eigentlich ungefährliche Reize aktiv um. 

Hierzu gibt es verschiedene Techniken (wie zum Beispiel die Pain Reprocessing Therapy). Einige fokussieren eher auf den Körper, andere eher auf Gedanken und Gefühle. Man versucht, bewusst und aktiv, auf die eigentlich unbewusst und autonom ablaufenden erlernten Reaktionen des Gehirns auf Reize einzuwirken. 

Das ist aus meiner Sicht kein „positives Denken“, sondern eher ein „bewusstes Umdenken“, ein bewusst gesteuerter anderer Umgang mit Symptomen und Aktivitäten. 

Der Einfluss des Mindsets

Dennoch spielt aus meiner Sicht ein positives Mindset eine wichtige Rolle bei der Genesung. Man braucht einen gesunden Optimismus, Hoffnung und Offenheit für diesen Ansatz. Glaubenssätze wie „Besserung ist möglich“ oder „Genesung ist möglich“ sind die Grundvoraussetzung, um sich eigenverantwortlich (oder bestenfalls mit Unterstützung) auf den Weg der Genesung zu begeben. Ist man dagegen fest davon überzeugt, dass zum Beispiel „ME/CFS eine unheilbare Krankheit“ ist, wird man sich vermutlich nicht mit dem neuroplastischen Ansatz und Techniken wie Brain Retraining befassen, die potenziell helfen.

Diese mentalen und psychologischen Einflüsse auf den Verlauf von Krankheiten, auf deren Heilung oder auf hilfreiche Therapien sind wissenschaftlich gut untersucht: es sind der Placebo-Effekt und der Nocebo-Effekt. Glaubt man, ein Medikament hilft, hilft es häufig, auch wenn es ein Placebo war - also ein Medikament ohne pharmakologisch wirksamen Wirkstoff. Der Nocebo-Effekt wirkt umgekehrt: Glaubt man, ein Mittel schadet, kommt es häufiger zu Nebenwirkungen. 

„Positives Denken“ kann also helfen, aber man denkt sich definitiv nicht gesund.

Wichtig: Die Aussagen in diesem Text sind das Ergebnis meiner Recherchen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, Fachartikeln, Büchern, Kursen, Aus- und Weiterbildungen sowie meines eigenen Genesungsprozesses. Ich habe bestmöglich recherchiert, erhebe aber dennoch keinen Anspruch auf Richtigkeit. In der Wissenschaft gilt etwas solange als Hypothese, bis es eindeutig belegt (oder widerlegt) ist. Das ist dann Evidenz, ein Fakt. Die Aussagen in diesem Text sind eine Kombination aus Hypothesen und Fakten.
 
Die Inhalte auf dieser Seite dienen außerdem nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder Therapeuten, bevor du Entscheidungen triffst, die deine körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Jeder Weg in ein Mind-Body-Syndrom ist etwas Individuelles, und jeder Weg heraus.