Was ist die Pain Reprocessing Therapy?

Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 5.7.26

 

 

 Wichtig: Symptome, die auf ein Mind-Body-Syndrom / neuroplastische Symptome oder neuroplastische Schmerzen hinweisen, vorher immer gründlich ärztlich abklären lassen! Die Beschwerden können eine neuroplastische Ursache haben, aber auch Ausdruck einer strukturellen Ursache sein, die einer anderen Behandlung bedarf. Zusätzlich zur klassischen Schulmedizin kann in diesen Fällen der neuroplastische Ansatz helfen.

Immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass chronische Schmerzen häufig primär durch Lernprozesse im Gehirn entstehen und nicht durch strukturelle Probleme im Körper (auch wenn sich strukturelle Veränderungen nachweisen lassen, die jedoch oft alterstypisch sind und nicht als Erklärung für die Schmerzen dienen). Wichtig: Die Schmerzen sind absolut real und nicht eingebildet.

Kommt es beispielsweise zu einer Gewebeverletzung oder einem Gewebeschaden, entstehen auch Nervenverknüpfungen im Gehirn (das Hirn merkt sich, was da passiert war). Diese neuronalen Pfade bleiben bestehen, auch wenn die Verletzung schon lange verheilt ist. 

Kommt es nun aufgrund biologischer, sozialer und psychologischer Faktoren zu einem erhöhten Stressempfinden, befindet sich das Gehirn im Alarmmodus. Dadurch kann es passieren, dass das Gehirn (eigentlich normale) körperliche Signale fehlinterpretiert und die alten neuronalen Pfade reaktiviert, was wieder Schmerzen an der alten, inzwischen aber verheilten Körperregion auslöst. Durch weitere (meist) psychologische Faktoren wie Angst vor dem Schmerz wird der Alarmmodus noch stärker aktiviert, was auch die Schmerzen weiter antreibt (Angst-Schmerz-Zyklus). Das Hirn lernt Schmerz.

Auf diese Weise kann das Gehirn praktisch jedes Symptom hervorrufen – auch andere als im Beispiel oben genannte Schmerzen oder woanders im Körper auftretende Schmerzen, chronische Fatigue, Schwindel, Herzrasen, Gangunsicherheit, Brainfog, etc., je nachdem, welche neuronalen Bahnen durch vorherige Erfahrungen im Leben angelegt wurden und durch ein hypersensitives Gehirn wieder aktiviert werden. Man spricht daher von noziplastischen (neuroplastischen) Schmerzen und neuroplastischen Symptomen.

Über die im Rahmen dieses Prozesses stattfindende Aktivierung des autonomen Nervensystems kann es außerdem zu zahlreichen (messbaren) physiologischen Veränderungen im Körper kommen. Diese sind jedoch nicht die Ursache der Beschwerden, sondern eher eine Folge- oder Begleiterscheinung.

 

Was ist die PRT?

Die Pain Reprocessing Therapy (PRT) ist eine psychologische Methode, die durch Neuroplastizität das Gehirn umprogrammieren soll. Sie zielt darauf ab, normale körperliche Signale (und Signale aus der Außenwelt) wieder als ungefährlich zu interpretieren und nicht weiter mit einem Alarmsignal darauf zu reagieren, welches die Symptome aufrecht erhält. Die reaktivierten neuronalen Pfade beruhigen sich dadurch und neue werden gestärkt. Durch die PRT sollen neuroplastische Schmerzen (und andere neuroplastische) Symptome verlernt werden.

Die PRT besteht in der Regel aus verschiedenen Komponenten:

Aufklärung über den neuroplastischen Erklärungsansatz (Pain Neuroscience Education):

 

Die Symptome entstehen durch eine Fehlinterpretation des Gehirns, eine Art Kommunikationsstörung zwischen Hirn und Körper, und nicht durch körperliche Gewebeschäden bzw. strukturelle Ursachen (diese können vorliegen, sind aber nicht Ursache des Symptoms).

Kognitive und verhaltenstherapeutische Methoden:

 

Gedankengänge, Katastrophisieren, Überzeugungen, etc. bewusst machen und hinterfragen. Fokus auf Freude und positive Dinge. Dosiertes Wiedereinführen von Aktivitäten, Bewegungen, etc (Graded Exposure).

Körperfokussierte Übungen:

 

Vor allem das Somatic Tracking ist ein zentrales Element der PRT. Dabei handelt es sich um eine achtsamkeitsbasierte Technik zum neutralen (möglichst angstfreien) Beobachten von Schmerzen und anderen Symptomen. Dies kann das Alarmsignal auf Dauer beruhigen.

Emotionale Verarbeitung:

 

Den Zusammenhang zwischen Emotionen und Schmerzen verstehen. Emotionale Prozesse können Schmerzen und andere Symptome auslösen. Emotionen können vom Gehirn als gefährlich interpretiert werden. Hier wird zum Beispiel die Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET) angewendet sowie therapeutisches Schreiben, um unterdrückte Gefühle zu erlauben, zu spüren und als sicher zu bewerten.

 

Bei welchen Symptomen und Syndromen kann die PRT potenziell helfen?

Eine Auswahl:

Noziplastische (neuroplastische) Schmerzen und Schmerzsyndrome:

  • Fibromyalgie 
  • Spannungskopfschmerzen 
  • Migräne 
  • Rückenschmerzen 
  • Beckenbodenschmerzen 
  • CRPS 
  • Ischias-Schmerzen 
  • Nackenschmerzen 
  • Reizdarm 


Neuroplastische Symptome / Mind-Body-Syndrome:

 

  • POTS
  • ME/CFS
  • Long Covid / Post Covid Syndrom
  • MCAS (keine Mastozytose)
  • Tinnitus


Nochmal der Hinweis: Symptome immer gründlich ärztlich abklären lassen, um andere Gründe für die Beschwerden auszuschließen.

 

Für wen eignet sich die Pain Reprocessing Therapy nicht?

Schmerzen, die durch akute Verletzungen oder fortbestehende Gewebeschäden (zum Beispiel Polyneuropathie bei Diabetes) ausgelöst werden, lassen sich nicht mit der PRT behandeln. Dies gilt ebenso für Schmerzen und andere Symptome durch Tumoren, aktive Entzündungsprozesse z.b. bei Rheuma oder einer akuten Infektion. 

Hinweis: Dennoch können auch hier neuroplastische Vorgänge ablaufen, weshalb zusätzlich zur klassischen schulmedizinischen Therapie unter Umständen eine PRT einen Versuch wert ist.

Wer schwere psychische Erkrankungen oder nicht durch Psychotherapie (zumindest teilweise) aufgearbeitete Traumata hat, sollte zunächst dort seinen Fokus haben.

 

Erste Studien zur PRT

  • Die sogenannte Boulder Back Pain Study ergab: Von 50 Teilnehmer:innen mit chronischen Rückenschmerzen waren 66 Prozent nach vier Wochen schmerzfrei. Eine Folgestudie mit 151 Menschen offenbarte, dass der Effekt der PRT auch nach einem Jahr noch anhielt. Eine weitere Folgestudie zeigte: Der Effekt hält auch fünf Jahre später an.


https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8482298/

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12279561/

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34586357/


https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40736996/

  • Eine kleine Studie mit 33 Teilnehmer:innen zeigte: Schon drei telemedizinische Termine, in denen die Elemente der Pain Reprocessing Therapy behandelt wurden, reduzierten die Schmerzen bei Fibromyalgie signifikant und verminderten die schmerzassoziierte Angst. 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40973446/

  • Eine Fallserie bei drei Menschen mit Migräne zeigte: Alle drei hatten deutlich weniger Migräneattacken pro Monat.


https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40859715/

  • Eine Pilotstudie mit 53 Menschen, die chronische Ganzkörperschmerzen hatten und PRT über 12 Wochen machten, ergab: Bei 30 Prozent der Teilnehmenden ließen die Schmerzen nach.


Viele Menschen mit ME/CFS, Long Covid, POTS, Post Vac oder anderen neuroplastischen Symptomen / Mind-Body-Syndromen nutzen die Elemente der PRT – teilweise mit großem Erfolg, bis hin zur Beschwerdefreiheit. Eine Auswahl an Studien findest du hier.

 

Die Inhalte auf dieser Seite dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder anderen Therapeuten. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder Therapeuten, bevor du Entscheidungen triffst, die deine körperliche oder mentale Gesundheit betreffen. Jeder Weg in ein Mind-Body-Syndrom / neuroplastisches Symptom ist etwas Individuelles, und jeder Weg heraus.