Dr. Martina Melzer, veröffentlicht: 5.7.26
Wichtig: Symptome, die auf ein Mind-Body-Syndrom / neuroplastische Symptome oder noziplastische Schmerzen hinweisen, vorher immer gründlich ärztlich abklären lassen! Die Beschwerden können eine neuroplastische Ursache haben, aber auch Ausdruck einer strukturellen Ursache sein, die einer anderen Behandlung bedarf als ein Mind-Body-Syndrom / Symptom. Zusätzlich zur klassischen Schulmedizin kann in diesen Fällen dennoch der Mind-Body-Ansatz helfen.
Wenn ich diese Bilder von Menschen sehe, die in abgedunkelten Zimmern mit Sonnenbrille und Gehörschutz liegen, bekomme ich Gänsehaut. Ich war nie so schwer
betroffen, aber ich kann gut nachvollziehen, was es heißt, in diesem Zustand auszuharren – für Betroffene wie Angehörige. Auch ich musste viele Stunden täglich im abgedunkelten Zimmer
liegen.
Immer wieder kontaktieren mich Angehörige und fragen, was sie noch tun könnten und wie man helfen könnte, die betroffene Person zurück ins Leben zu holen. In diesem Beitrag möchte ich Ideen und
Vorschläge teilen, die aus meiner Sicht und meiner Erfahrung dazu beitragen können, aus der Bettlägerigkeit in kleinen Schritten wieder herauszukommen.
Wichtig: Was ich hier vorschlage, basiert auf dem neuroplastischen Ansatz. Und deshalb deckt sich das
möglicherweise nicht mit den Empfehlungen, die auf dem rein biomedizinischen Verständnis beruhen.
Was passiert im Gehirn und Nervensystem, wenn jemand in die Bettlägerigkeit rutscht?
Vermutlich befindet sich das Gehirn in „Alarmstufe dunkelrot“ und versetzt das autonome Nervensystem anhaltend in eine Art „Schockstarre“, in einen ausgeprägten
„Schutzzustand“. Im Englischen spricht man hier vom „freeze“ oder auch „shutdown“-Modus des Nervensystems. Das Gehirn
stuft in diesem Zustand praktisch alles als Gefahr ein – egal ob es das Heben eines Armes ist, ein Lichtstrahl, ein Geräusch, die Stimme des Angehörigen oder sogar nur die Vorstellung daran. Die
betreffende Person wirkt vielleicht regungslos, ruhig, driftet geistig ab. Aber innerlich ist ein extremer Stresspegel und oft ein immenser Leidensdruck vorhanden.
Dieser freeze- oder shutdown-Zustand kann kurzzeitig vorteilhaft sein, wenn sich zum Beispiel ein Wildtier in Lebensgefahr befindet und sich so etwa vor einem Raubtier retten kann, in dem es
erstarrt oder sich tot stellt. Ist die Gefahr vorüber, bewegt sich das Nervensystem aber wieder aus diesem Zustand heraus und alles ist okay. Auf Dauer ist dieser Zustand jedoch nicht
gut.
Der Zustand ist traumatisch für die betreffende Person. Es kommen Gefühle wie Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Hoffnungslosigkeit, Angst, Wut, Traurigkeit, Depressivität, sich wie „gefangen im
eigenen Körper fühlen“ dazu.
Wichtig: Auch wenn ich hier vom Gehirn und Nervensystem spreche, bedeutet das nicht, dass die Person „nichts hat“ und irgendwas mit der Psyche nicht stimmt. Es kommt sehr wohl zu physiologischen
Veränderungen, die sich auf alle Organe, Körpersysteme und Gewebe erstrecken. Wie gesagt, der Stresspegel ist enorm.
Was kann raus aus der Bettlägerigkeit helfen?
Pacing, Medikamente, Infusionen, Hilfsmittel für Schwerkranke,
maximale Unterstützung von Angehörigen oder Pflegekräften, etc. können helfen. Doch darum soll es hier nicht gehen. Ich möchte hier Vorschläge machen, die auf dem neuroplastischen Ansatz fußen.
Im Kern geht es darum, dem Gehirn und Nervensystem klarzumachen, dass es sich aus dem Erstarrungs- oder Abschaltmodus herausbewegen kann, dass keine Lebensgefahr besteht, dass es sicher ist, sich
in Minischritten wieder aus der Bettlägerigkeit herauszuholen. Raus aus dem Überlebensmodus, rein in den Sicherheits- und Wohlfühlmodus.
1. Das Mindset / Die Psyche
Befinden sich Gehirn und autonomes Nervensystem im Daueralarm auf „Alarmstufe dunkelrot“, wirkt sich das selbstverständlich auf die Psyche aus. Große Ängste, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und
Hilflosigkeit sind Gefühle, die Betroffene und Angehörige begleiten.
Und genau da können mehrmals täglich wiederholte beruhigende und aufbauende Botschaften an das Gehirn ansetzen. Sie holen das Gehirn wenigstens kurzzeitig aus der Dauer-Negativschleife und
helfen, andere Nervenverknüpfungen zu aktivieren.
Mögliche Sätze für die betreffende Person:
- „Ich komme da wieder raus.“
- „Ich komme wieder aus diesem Bett heraus.“
- „Das wird wieder besser.“
- „Mein Gehirn ist im Alarmmodus. Es darf sich beruhigen. Es ist alles okay.“
- Lächle dabei und fühle, was du sagst. Gerne auch andere, passendere Affirmationen verwenden.
Auch Angehörige können sich solche Botschaften sagen oder gemeinsam mit der betreffenden Person einüben. Immer alles ohne Zwang, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.
Dinge, die vom aktuellen Zustand ablenken und keinen neuen Stress kreieren (Vorsicht vor Social Media und bestimmten Selbsthilfeforen), sind ein weiterer Weg, den Kopf auf andere Gedanken zu
bringen. Das Mindset kann in diesem äußerst herausfordernden Zustand eine zentrale Rolle spielen, um wieder Minifortschritte zu machen. Das höre ich auch immer wieder in
Genesungsgeschichten.
2. Nervensystem stabilisieren
Stecken Gehirn und Nervensystem im Überlebensmodus fest, ist es zentral, sie immer
wieder da herauszuholen. Und wenn es kurze Momente sind. Jeder Moment zählt. Viele Mini-Momente können einen großen Unterschied machen.
Das Problem ist: Gehirn und Nervensystem bewerten erstmal alles Mögliche als potenzielle Gefahr.
Es gilt nun, herauszufinden, welche Dinge einen beruhigenden und damit stabilisierenden Effekt auf das Nervensystem haben können.
Was wirkt auf die Person im Moment beruhigend?
(gemeinsam in kleinen Einheiten durchgehen, eine Frage pro Tag, notieren, oder für sich selbst durcharbeiten)
- Eine sanfte Berührung deiner Bezugsperson oder von dir selbst?
- Ein Lächeln?
- Eine Atemübung?
- Eine Vagusnervübung?
- Ein Bild oder eine Pflanze im Zimmer?
- Ein Haustier?
- Das Riechen an einem Aromaöl oder einem anderen wohltuenden Duft?
- Das Hören von Naturgeräuschen? Leises Meeresrauschen? Vogelstimmen? (auch übers Handy)
- Das Schmecken von Schokolade? Einer Salzstange? Ein Löffel deines Lieblingsgerichts?
- Ein Lichtstrahl von draußen? Den Sonnenuntergang anschauen? Eine Kerze?
- Einen weichen Knautsch- oder Massageball in den Händen bewegen? Ein Vibrationsgerät benutzen?
- Fußmassage machen lassen?
- Beschwerende Decke / Gewichtsdecke benutzen?
- Kälte oder Wärme?
- Akupressurmatte?
Wenn diese Ideen im Moment als zu bedrohlich wirken: Kann die betreffende Person es sich vorstellen? Etwas, was früher beruhigend wirkte oder eine positive Emotion erzeugte?
Als Nächstes obige Fragen stellen mit dem Fokus auf: Was ist belebend?
- Zum Beispiel: ein feuchtes Tuch auf der Stirn, Aromaöl, etwas trinken oder essen, Haustier, Lächeln eines Angehörigen, Mini-Bewegungen (siehe unten)
Zum Schluss die Fragen mit dem Fokus durchgehen: Was ist im Moment bedrohlich?
- Zum Beispiel: laute Geräusche, Hitze, der ängstliche Blick der Bezugsperson, direktes Sonnenlicht, unangenehme Berührung, Straßenlärm
Die Dinge können sich überlappen und manches kann teilweise beruhigend, belebend oder bedrohlich sein, je nach Tagesverfassung.
Nächster Schritt:
Alle Dinge, die meistens beruhigend wirken, als tägliche Mini-Routinen über den Tag verteilt anwenden.
Stückchenweise auch etwas Belebendes einführen. Die bedrohlichen Dinge bis auf Weiteres minimieren oder meiden.
3. Den Körper mobilisieren
Auch wenn das bedrohlich erscheinen mag: Den Körper täglich etwas mobilisieren, auch wenn es in Minischritten ist, hilft dem Gehirn und Nervensystem aus „freeze“ und „shutdown“. Das Gehirn merkt
so, dass es nicht mehr in der „Schockstarre“ festhängen muss, dass es sich nicht mehr „totstellen“ muss. Es darf sich wieder bewegen. Bewegung ist Leben.
Im Video stelle ich ein paar Mobilisierungsübungen im Bett vor.
Video folgt
Die betreffende Person kann mit einer der Übungen anfangen für eine Wiederholung, täglich. Dabei lächeln, die Übung mit der Atmung verbinden und eine beruhigende
Botschaft ans Gehirn senden, zum Beispiel „es ist sicher, das zu tun, es hilft mir aus dem Bett heraus“. In Minischritten steigern, sobald sich eine Übung okay anfühlt und zu einer Routine
geworden ist.
Überblick der Übungen:
Die Atmung gibt die Geschwindigkeit der Bewegung vor. Gegebenenfalls die Bewegung stoppen, wenn man noch länger ein- oder ausatmen möchte. Die Bewegungen sollen keine stechenden oder starken
Schmerzen verursachen. Ein leichter Bewegungsschmerz ist okay.
Füße
- Einatmen, Füße nach oben bewegen
- Ausatmen, Füßen nach unten bewegen
- Gerne auch zunächst mit einem Fuß, gerne auch Füße rotieren oder nach außen und innen bewegen, immer mit der Atmung abgestimmt
Knie
- Beine aufstellen
- Einatmen, Knie nach links bewegen
- Ausatmen, Knie nach rechts bewegen
Hüfte
- Beine bleiben liegen
- Gesamtes Bein (einzeln oder beide) bei der Einatmung nach innen rotieren
- Bei der Ausatmung nach außen rotieren
Hände
- Einatmen, Hände nach oben bewegen
- Ausatmen, Hände nach unten bewegen
- Gerne zunächst mit einer Hand, gerne auch Hände rotieren oder nach außen und innen bewegen, immer mit der Atmung abgestimmt
Schultern und Arme
- Schultern im Liegen bei der Einatmung einmal kreisen, dann ruhig bleiben und ausatmen
- Arme anheben und wie ein Scheibenwischer bewegen, mit der Atmung abstimmen
Kopf
- Den Kopf bei der Einatmung nach links bewegen und bei der Ausatmung nach rechts und umgekehrt
Brain Retraining
Alles, was ich hier an Ideen genannt habe, zählt zum Brain Retraining und zur Nervensystemregulation. Ein weiteres zentrales Anwendungsgebiet von Brain Retraining ist: Stückchenweise die Angst und weiteren emotionalen Reaktionen gegenüber den Symptomen abbauen und auch die Angst vor Aktivitäten aller Art. Deshalb gerne auch von den Dingen, die das Nervensystem stabilisieren und beruhigen, etwas anwenden, wenn Symptome auftauchen. Sobald es etwas besser geht, mehr Infos zur Pain Reprocessing Therapy, Brain Retraining, etc. einholen und alleine oder mit (zum Beispiel meiner) Unterstützung anwenden.



